Sonntag, 6. März 2016

Geschichte der Bonner Straßenbeleuchtung (Gaslaternen)


F. Leizel, Guckkastenbild,
um 1777 (Ausschnitt),
abgebildet in: I. Riemer,
Altes Bonn, S. 36.
Vergrößerter Ausschnitt
Die mittelalterlichen Straßen Bonns waren noch vollkommen unbeleuchtet. Aus anderen Städten weiß man, dass Jungen mit Fackeln die späten Zecher der Gaststuben gegen Geld nach Hause begleiteten, ihnen „heimleuchteten“. Aus Bonn gibt es zwar mangels Quellen keine solche Überlieferung, doch darf man annehmen, dass es hier genauso war. Erst der Barock wollte diesen Umstand beseitigen und es war der noch junge Kurfürst Clemens August, auf dessen Befehl hin der Bonner Magistrat den Bedarf für eine ausreichende Straßenbe-leuchtung errechnen sollte. Am 2. März 1736 legte man dem Kurfürsten eine Rechnung vor, die besagte, dass man dazu 300 Laternen benötige und jede von ihnen in der Anschaffung sieben Reichstaler kosten werde. Wegen der hohen Kosten ließ der Kurfürst daraufhin von seinem Plan ab. Dennoch scheint er einzelne Stellen der Stadt mit Licht ausgestattet zu haben. Die älteste Abbildung, die ich dazu finden konnte, stammt aus dem Jahr 1777 und zeigt mehrere Laternen am Marktbrunnen (siehe Bild oben, die Laternen sind unmittelbar auf das Gitter aufgesetzt).

Laternenanzünder
(unbekannte Stadt)
Doch waren es erst die französischen Behörden, die ein Jahr nach der Besetzung Bonns am 7. November 1795 die flächendeckende Beleuchtung der Stadt durch Laternen verordneten. Bis zur tatsächlichen Anschaffung der ersten 50 Stück dauerte es allerdings nochmals dreizehn lange Jahre. Erst am 23. Dezember 1808 wurde der Kauf beschlossen. Mit der neuen Beleuchtung wurde auch ein neuer Beruf geschaffen: der Laternenanzünder. Jeden Abend ging er mit seiner langen Zündstange durch die Straßen, um die Kerzen zu entflammen. Ebenso, wie er jeden Morgen die Kerzen wieder löschen musste. Mittels einer Leiter mussten die Laternen neu bestückt oder der Docht beschnitten werden. Dieser Aufwand ließ die Beleuchtungskosten bereits im Jahr 1839 auf jährlich 1780 Taler steigen. Die ersten Kerzen, sogenannte Unschlittkerzen, bestanden noch aus minderwertigem Talg und wurden im Laufe der Zeit durch die kostengünstigeren Rüböl-Lampen ersetzt, deren Öl aus Raps- und Rübensamen gewonnen wurde.

Das 1845 niedergelegte Josefstor,
abgebildet in: N. Schloßmacher,
Matthias Frickel. Bonner Stadtansichten, S. 108
Um 1840 baumelten bereits etwa 100 solcher Lampen an langen Zugketten über den Straßen (siehe Bild links). Keine zehn Jahre später konnte jedoch auch dieses stinkende und qualmende Brennmaterial durch das qualitativ wesentlich bessere Mineralöl ersetzt werden. In einer Anzeige der Bonner Zeitung vom 6. Februar 1851 preist ein Herr H. A. Leduc aus der Wenzelgasse das „neue Beleuchtungs-Material“ an, das mit „einer weißen, hellleuchtenden, ruhigen Flamme“ brenne. Allerdings wurden für das Mineralöl eigens konstruierte Lampen benötigt.
 
Anzeige in der Bonner Zeitung
vom 6.2.1851
1850 gab es 145 solcher neuen Öllaternen in der Stadt, die etwa 1800 Taler pro Jahr kosteten, nicht eingerechnet die hohen Kosten für die vielen mutwilligen Zerstörungen der Lampen. Die Reparaturkosten für das Jahr 1850 betrugen 88 Taler und 19 Silbergroschen, womit man laut Stadtrat sieben weitere Laternen hätte betreiben können. Mutwillig herbeigeführter Sachschaden an den Laternen gab es aber schon von Anfang an.

Haus am Giertor mit Laterne,
Zeichnung von 1856,
gut zu erkennen die Zugkette,
mit der die Höhe verstellt
werden konnte
abgebildet in: I. Riemer,
Altbonner Bilderbuch, S. 54
Im Januar 1840 kam es deswegen sogar zu einem handfesten Skandal. Nachts hatten sich grölende Studenten auf dem Markt versammelt und unter dem Ruf „Die Laternen müssen herunter“ damit begonnen, Steine auf die Laternen an der Marktfontäne zu werfen. Herbeieilende Nachtwächter als Vertreter der städtischen Gewalt versuchten, das zu verhindern und die Studenten abzuführen. Doch damit übertraten sie ihre Befugnisse, denn damals standen die Studenten unter der alleinigen Gewalt des Universitätsrichters und seiner Pedellen. Der Universitätskurator beschwerte sich deswegen bei der Stadt mit den Worten: „daß der Unfug an den städtischen Laternen nicht auf Rechnung der Studirenden allein geschrieben werden darf“, weil doch bekannt sei, dass auch die Bürger, wenn „sie des Abends das Wirtshaus verließen, ihren Mutwillen gleich an der nächsten Laterne“ auslassen würden. In der Folge mussten von nun an die Pedelle gemeinsam mit den städtischen Nachtwächtern die Bonner Straßen kontrollieren.


"Nachtskandal an der Pyramide", nachträglich gezeichnet 1855,
abgebildet in: I. Riemer, Altbonner Bilderbuch, S. 44.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich in anderen Städten – zunächst in London, später auch in Hannover und Berlin – bereits die Beleuchtung mit Gas durchgesetzt. In Bonn dauerte es mal wieder – wie so oft – etwas länger, bis die moderne Zeit Einzug hielt. Und dass längst nicht jeder mit der neuen Zeit einverstanden war und es auch Widerstände gab, zeigt ein Zeitungsartikel aus der Kölnischen Zeitung vom 28. März 1819, in dem eindringlich vor der neuen Beleuchtung gewarnt wurde. Dort heißt es:

Jede Straßenbeleuchtung ist verwerflich
1.) aus theologischen Gründen: weil sie als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint. Noch tiefer ist die Macht zur Finsternis eingesetzt, die nur zu gewissen Zeiten vom Mondlicht unterbrochen wird. Dagegen dürfen wir uns nicht auflehnen, den Weltplan nicht hofmeistern, die Nacht nicht in Tag verkehren wollen -
2.) aus juristischen Gründen; weil die Kosten dieser Beleuchtung durch eine indirekte Steuer aufgebracht werden sollen. Warum soll dieser und jener für eine Einrichtung zahlen, die ihm gleichgültig ist, da sie ihm keinen Nutzen bringt, oder ihn gar in manchen Verrichtungen stört?-
3.) aus medizinischen Gründen; die Oel- und Gasausdünstung wirkt nachteilig auf die Gesundheit schwachleibiger oder zartherziger Personen, und legt auch dadurch zu vielen Krankheiten den Stoff, indem sie den Leuten das nächtliche Verweilen auf den Straßen leichter und bequemer macht, und ihnen Schnupfen, Husten und Erkältung auf den Hals zieht -
4.) aus philosophisch-moralischen Gründen; die Sittlichkeit wird durch Gassenbeleuchtung verschlimmert. Die künstliche Helle verscheucht in den Gemüthern das Grauen vor der Finsternis, das die Schwachen von mancher Sünde abhält. Diese Helle macht den Trinker sicher, daß er in Zechstuben bis in die Nacht hinein schwelgt, und sie verkuppelt verliebte Paare -
5.) aus polizeilichen Gründen; sie macht die Pferde scheu und die Diebe kühn -
6.) aus staatswirtschaftlichen Gründen; für den Leuchtstoff, Oel oder Steinkohlen, geht jährlich eine bedeutende Summe ins Ausland, wodurch der Nationalreichthum geschwächt wird -
7.) aus volksthümlichen Gründen; öffentliche Feste haben den Zweck, das Nationalgefühl zu erwecken. Illuminationen sind hierzu vorzüglich geschickt. Dieser Eindruck wird aber geschwächt, wenn derselbe durch allnächtliche Quasi-Illuminationen abgestumpft wird. Daher gafft sich der Landmann toller in dem Lichtglanz als der lichtgesättigte Großstädter.

Lithografie von 1847, Ausschnitt,
gut zu erkennen die Bogenlampen
abgebildet in: I. Riemer,
Altes Bonn, S. 63.
Erst 1847 schloss Bürgermeister Karl Edmund Joseph Oppenhoff (übrigens der erste hauptamtliche Oberbürgermeister der Stadt) mit der Aachener Firma Sabey & Cie. einen Vertrag, der der Stadt die Gasbeleuchtung auf 25 Jahre sichern sollte. Allerdings musste er wegen Nichterfüllung schon ein Jahr später auf dem Klageweg aufgelöst werden. 1850 wurde Leopold Kaufmann zu Oppenhoffs Nachfolger ernannt. Kaufmann zeigte besonders viel Initiative zur Verschönerung der Stadt; auf ihn geht beispielsweise die Sanierung der Rheinfront mit dem Bau der Rheinpromenade zurück. Auch für eine bessere Beleuchtung der nächtlichen Straßen setzte er sich ein. Am 11. November 1851 begab er sich mit einem Ausschuss des Magistrats nach Düsseldorf, um die dortige Beleuchtung durch Patentgas zu begutachten. Die Bonner Zeitung vom 16. November 1851 berichtete darüber: „Sowohl die Beleuchtung auf den Straßen als in öffentlichen Lokalen hat völligen Beifall gefunden und gedenkt man für Bonn eine ähnliche Beleuchtung in Bälde einzuführen“. Nun gab es seit den 1840er Jahren bereits in manchen Bonner Privathäusern Gasbeleuchtung. Dazu wurde das Gas vom Unternehmer Seibel in eisernen Ballons durch die Stadt gefahren und am entsprechenden Haus mittels eines Gummischlauchs in die dort befindlichen Gasbehälter gepumpt. Dies funktionierte zwar im Kleinen, war aber für eine komplette Straßenbeleuchtung natürlich nicht ausreichend. Deshalb schrieb die Stadt Bonn am 26. März 1852 die „Bedingungen aus, unter welchen das ausschließliche Recht der Beleuchtung der Straßen und Plätze mit laufendem Gas einem Unternehmer während eines Zeitraums von 25 nach einander folgenden Jahren übergeben werden soll“. Den Zuschlag erhielt Alexander Oster, der in der Breitestraße die erste Bonner Gasanstalt eröffnete. Am 20. November 1853 war es dann soweit: die ersten Öl-Lampen wurden durch moderne Gaslaternen ersetzt. Die Kosten waren mit insgesamt 3113 Taler veranschlagt (auch die Gaslaternen mussten zunächst von Hand angezündet werden, bis die Technik soweit voran schritt, dass man sie mit Druckstößen im Gasnetz anzünden konnte).


Ansichtskarte um 1920. Argelanderstraße mit
"moderner" Gaslaterne
Gaslaterne in Herne
(baugleiches Modell wie Bonn)
Foto: WikiUser: Stahlkocher
Am 14. Februar 1854 konnte mit der Gas-Lieferung begonnen werden. Übrigens rissen in der Folgezeit die Klagen der Bevölkerung über die schlechte Qualität in Verbindung mit zu hohen Gaspreisen nicht ab, so dass Oberbürgermeister Hermann Jakob Doetsch (seit 1875 im Amt) sich gezwungen sah, den Vertrag mit Oster am 1. April 1879 zu kündigen. Die Stadtverordnetenversammlung entschloss sich daraufhin, die städtische Beleuchtung in eigener Regie zu übernehmen. Noch im selben Jahr wurde das erste städtische Gaswerk in Betrieb genommen und die Stadt durch nunmehr 1120 Gaslaternen mit Schnittbrennern beleuchtet. 1899 waren es dann schon 1658 in Bonn, 134 in Poppelsdorf und 10 in Privatstraßen. Zudem brannten erstmals zwölf elektrische Bogenlampen in der Dunkelheit, womit eine neue Ära eingeleitet wurde.

Marktplatz mit Bogenlampe, Ansichtskarte von 1898,
eigene Sammlung
Dass der Unterhalt der Beleuchtung nicht gerade kostengünstig war, zeigt der Verwaltungsbericht der Stadt Bonn aus dem Jahr 1904. Nach diesem gab es im Rechnungsjahr (1.4.1903-31.3.1904) in Bonn 2140 mit Glühlichtbeleuchtung versehene Gaslaternen mit 2275 Flammen. Von diesen brannten 1363 die ganze Nacht durch. Zusätzlich gab es 22 elektrische Bogenlampen mit 15 Ampére und 12 separate elektrische Bogenlampen nur für die Beleuchtung an der Stadthalle. Die Jahreskosten beliefen sich auf ganze 49.000,48 Mark, davon alleine 28.758,80 Mark „Anzündelöhne“. Bis etwa 1920 stieg die Zahl der Leuchtkörper in Bonn auf stattliche 3200 Gaslaternen und 465 elektrische Lampen.

Bis in die heutige Zeit versahen die alten Bonner Gaslaternen stellenweise noch ihren Dienst. Im November 2015 konnte man im General-Anzeiger lesen, dass nun die letzten Gaslaternen, die noch in der Südstadt standen, endgültig ausgetauscht werden. Damit endet leider eine kulturgeschichtlich hochinteressante Epoche. Ich werde das wunderbar gelb-warme Licht ebenso vermissen, wie das leise Zischen unter den Laternen. Es war wie ein Gruß aus längst vergangenen Zeiten.