Sonntag, 26. Juni 2016

26.6.2016: 100. Geburtstag von Karlrobert Kreiten.


Karlrobert Kreiten
Foto: Stadtarchiv Bonn

Karlrobert Kreiten gehört, trotz seines frühen Todes, zu den größten musikalischen Talenten des 20. Jahrhunderts. Man mag sich kaum vorstellen, was aus dem Ausnahme-Pianisten geworden wäre, hätten die Nazis ihn nicht mit nur 27 Jahren ermordet.

Geboren wurde er am 26. Juni 1916 in Bonn als Sohn des niederländischen Komponisten und Pianisten Theo Kreiten (1887–1960) und der deutschen Mezzosopranistin Emmy Liebergesell (1894–1985). Kreitens Eltern waren 1913 nach Bonn gezogen, wo der Vater als Konservatoriums-Lehrer tätig war, wie es in den Adressbüchern heißt. Dazu kam zu dieser Zeit eigentlich nur das bedeutende Ziskoven-Konservatorium auf der Coblenzer Straße (heute Adenauerallee) in Betracht, das einen hervorragenden Ruf in ganz Deutschland genoss. Mehrere Jahre bewohnte die Familie ein schönes Haus in der Endenicher Straße 40 – das Geburtshaus Karlroberts – , doch zog sie schon 1917 weiter nach Düsseldorf, wo Theo Kreiten eine Dozentenstelle am Buths-Neitzel-Konservatorium angenommen hatte und die Mutter als Kammersängerin auftrat. Die Eltern erkannten schnell die besondere Begabung des Jungen, der schon früh als Wunderkind galt und bei privaten Musikabenden illustren Gästen wie dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler auf seinem Schiedmayer-Flügel vorspielte.

Foto: karlrobertkreiten.de
Foto: karlrobertkreiten.de

Bereits mit zehn Jahren trat er als Solist in Mozarts Klavierkonzert A-Dur in der Düsseldorfer Tonhalle auf und bestand mit nur zwölf Jahren glänzend seine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Köln, wo er von Peter Dahm unterrichtet wurde. Seine Ausbildung zum Konzertpianisten beendete er 1934 mit Bravour. Danach setzte er seine Studien 1935 bei Hedwig Rosenthal-Kanner in Wien fort, bis er 1937 nach Berlin übersiedelte, wo er – durch Furtwängler gefördert, der ihn für den begabtesten Pianisten Deutschlands hielt – Meisterschüler des brillanten chilenischen Pianisten und hervorragenden Beethoveninterpreten Claudio Arrau wurde. Der war so begeistert von Kreiten, dass er noch 1983 in einem Interview über ihn sagte: „Kreiten war eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich begegnet sind. Wäre er nicht durch das Nazi-Regime kurz vor Kriegsende hingerichtet worden, so hätte er ohne Zweifel seinen Platz als einer der größten deutschen Pianisten eingenommen. Er bildete die verlorene Generation, die fähig gewesen wäre, in der Reihe nach Wilhelm Kempff und Walter Gieseking zu folgen.

Kreiten, der schon in seiner Jugend bedeutende Wettbewerbe gewonnen hatte, eroberte bis 1943 die großen Konzerthäuser mit Werken der Romantik aber auch mit Werken der russischen Avantgarde wie Igor Strawinsky und Sergej Prokofieff. Zudem zeigen die wenigen noch vorhandenen Tondokumente, dass er trotz seiner Jugend bereits ein großer Beethoven-Interpret war. Schon 1933 hatte er sich in Berlin mit Beethovens „Waldstein-Sonate“ den Großen Mendelssohn-Preis erspielt. Doch 1943 war Schluss. Sein letztes Konzert gab der junge Pianist am 23. März 1943 im Berliner Beethovensaal. Für ein Liszt-Konzert in Florenz wurde dem Musiker überraschend die Ausreiseerlaubnis verweigert, so dass die Litfaßsäulen mit dem Namenszug „Carlo Roberto Kreiten“ überklebt werden mussten. Dann, kurz vor Beginn des für den 3. Mai 1943 in Heidelberg geplanten Konzerts wurde Karlrobert Kreiten von der Gestapo verhaftet.

Ausschlaggebend dafür waren seine im privaten Kreis, im Haus von Ellen Ott-Monecke, einer Jugendfreundin seiner Mutter, geäußerten Bemerkung, dass er sehr unter den Lügen des Regimes leide und überzeugt sei, „der praktisch verlorene Krieg“ werde „zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur“ führen. Ellen Ott-Monecke aber stand dem Nationalsozialismus nahe und informierte ihre Nachbarin Annemarie Windmöller, eine Schulungsleiterin der NS-Frauenschaft, die den „Fall“ gemeinsam mit Tiny von Passavent, einer Kreiten missgünstig gesinnten Sängerin, umgehend der Reichsmusikkammer meldete. Nach seiner Verhaftung in Heidelberg wurde Kreiten in die berüchtigte Berliner Gestapo-Zentrale in die Prinz-Albrecht-Straße gebracht, wo er sich bei einer Gegenüberstellung mit den beiden Frauen mit Ausreden zu verteidigen suchte. In seiner Verzweiflung gab er an, er habe nicht seine eigene Meinung dargelegt, sondern nur geäußert, was er „so auf der Bahnstation“ gehört habe. Die Denunziantinnen beharrten aber nicht nur auf ihrer Aussage, sondern gaben auch zu Protokoll, dass sie bei einem von ihnen angeblich arrangierten zweiten Gespräch mit Ellen Ott-Monecke hinter einem Vorhang mitangehört hätten, wie der Pianist seine „kriminellen Äußerungen“ nicht nur wiederholt, sondern nun sogar Adolf Hitler als „Wahnsinnigen“ bezeichnet habe.

Werner Höfer, Moderator des
"Internationalen Frühschoppens"
Foto: karlrobertkreiten.de
Nach zwei Monaten schwerer Haft und wohl auch Folterungen wurde Kreiten ins Untersuchungsgefängnis Moabit verlegt, wo er auch während der Fliegerangriffe gefesselt in seiner Zelle im oberen Stock verbleiben musste. Trotz der Fürsprache bekannter Persönlichkeiten wie Fritz von Borries‘ (Musikreferent des Propagandaministeriums) oder Furtwänglers wollte man an ihm ein Exempel statuieren und eröffnete den Prozess vor dem Volksgerichtshof. In einem Schauprozess unter dem Vorsitz Roland Freislers wurde Kreiten am 3. September 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und vier Tage später, am 7. September 1943, mit nur 27 Jahren und trotz Gnadengesuche, im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Den Eltern des toten Pianisten schickte die Gerichtskasse eine Rechnung für die Hinrichtungskosten über 639,20 Reichsmark, die binnen einer Woche gezahlt werden musste. Der Leichnam von Karlrobert Kreiten wurde der Familie nie übergeben

Als wäre das alles nicht schrecklich genug, erschien am 20. September 1943 im Berliner „12-Uhr Blatt“ in großer Aufmachung ein Artikel Werner Höfers, der die Hinrichtung Kreitens bejubelte. So schrieb er wörtlich:

"Wie unnachsichtig jedoch mit einem Künstler verfahren wird, der statt Glauben Zweifel, statt Zuversicht Verleumdung und statt Haltung Verzweiflung stiftet, ging aus einer Meldung der letzten Tage hervor, die von der strengen Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers berichtete. Es dürfte heute niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen. Das Volk fordert vielmehr, daß gerade der Künstler mit seiner verfeinerten Sensibilität und seiner weithin wirkenden Autorität so ehrlich und tapfer seine Pflicht tut, wie jeder seiner unbekannten Kameraden aus anderen Gebieten der Arbeit. Denn gerade Prominenz verpflichtet!"

1984 beschloss der Rat der Stadt Bonn, in Poppelsdorf eine Straße nach Karlrobert Kreiten zu benennen.

Sonntag, 1. Mai 2016

850 Jahre Erhebung der Gebeine von Cassius und Florentius


Am 2. Mai jährt sich das Fest der Erhebung der Gebeine von Cassius und Florentius zum 850. Mal. 1166 war es der Bonner Propst Gerhard von Are, der die Gebeine der Heiligen in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Reinald von Dassel aus ihren Gräbern erhob, in einer feierlichen Prozession um die Kirche trug und auf dem Hochaltar in zwei prächtigen Schreinen aufbewahrte. Die Verehrung dieser Heiligen ist jedoch sehr viel älter als 850 Jahre und geht vielleicht sogar zurück auf den Beginn der christlichen Totenmemorie (also des Totengedenkens) aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts (nach anderer Meinung vielleicht auch erst Mitte des 4. Jahrhunderts), die sich unter der Krypta der heutigen Münsterkirche befand.

Cella memoriae
Foto: Hans Weingartz
Archäologisch ist diese cella memoriae gut fassbar, doch sagt uns die Archäologie naturgemäß nichts darüber, wem dort gedacht wurde. Die erste schriftliche Erwähnung der Heiligen Cassius und Florentius findet sich im Martyrologium Hieronymianum aus dem frühen 7. Jahrhundert, ist jedoch noch ohne Bezugnahme auf Bonn. Als ausdrücklich „Bonner“ Heilige werden sie aber in einer Urkunde vom 28. Juli 691 genannt, denn dort heißt es „ad basilicam sanctorum Cassii et Florentii“ (bei der Kirche der Heiligen Cassius und Florentius), womit auch erstmals in diesem Zusammenhang eine Grabeskirche (heutige Münsterkirche) in Bonn erwähnt wird. Entstanden war sie an der Stelle der cella memoriae etwa Mitte des sechsten Jahrhunderts als kleine Saalkirche von 13,77 m x 8,88 m Seitenlänge. Um 780 entstand dann ein karolingischer Erweiterungsbau mit einem Chor. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts wurde der Bau niedergelegt und in genauer Ostrichtung durch einen großzügigen Kirchenneubau ersetzt; Grundsteinlegung war um 1040. Dabei wurden die überlieferten Steinsärge der Märtyrergräber als Angelpunkt mit einem Tonnengewölbe überfangen, das heute die Gruft unter der Krypta bildet. Die Kirche selbst wurde als flachgedeckte Kreuzbasilika von fast 70 Metern Länge mit Doppelchor errichtet. An der nördlichen Langhauswand befand sich vor dem Haupteingang eine Vorhalle.

Gräber der Märtyrer mit Tonnengewölbe
unter der Krypta
Foto: http://www.bonner-muenster.de
Lage der cella memoriae
unter dem heutigen Münster
Foto: http://www.bonner-muenster.de
Um 1140 setzte dann durch Propst Gerhard von Are nochmals eine umfassende und aufwendige Bautätigkeit an der Münsterkirche ein. Der alte Langchor und die darunter befindliche Krypta wurden um ein ganzes Geviert nach Osten hin erweitert und mit einer Apsis versehen, die sich in drei Etagen gliedert. Am heutigen, nur wenig veränderten Zustand, erkennen wir noch den ursprünglichen Bau. Über einem breiten Sockel mit drei Kryptafenstern wurde das erste Geschoss errichtet, das durch Halbrundsäulen und Blendbögen in sieben Felder geteilt ist. Das zweite Geschoss, bestehend aus sieben, von freistehenden Säulen getragenen Bögen, hatte drei große, wohl aus farbigem Glas bestehende Chorfenster. Darüber befindet sich noch heute die Zwerchgalerie mit 22 Rundbögen, die abwechselnd von Doppelsäulen und zwei Einzelsäulen getragen werden. Die Bonner Apsis mit ihrer besonders differenzierten Gestaltung – von der Kunstgeschichte „Rheinischer Etagenchor“ genannt – war die Erste ihres Typs am Niederrhein und prägte für nahezu einhundert Jahre das Erscheinungsbild anderer Kirchen im gesamten Raum durch Neu- und Umbauten. Viele Kirchen folgten ihrem Beispiel, wie St. Gereon in Köln, die Abteikirche in Maria Laach oder St. Servatius in Maastricht. Flankiert wurde der Bau durch zwei mächtige, stilistisch die Gliederung der Apsis weiterführende Türme mit je einem Freigeschoss. Das benötigte Steinmaterial kam vorwiegend aus dem Neuwieder Becken und vom Drachenfels.

Das Altmünster vor dem Umbau
Münsterkriche vor und nach dem Umbau

Parallel zum mächtigen Ostbau ließ Gerhard von Are neue Stiftsgebäude an der Südseite der Kirche errichten und einen Kreuzgang anlegen, der in seiner geschlossenen Erhaltung heute einmalig im Rheinland ist. Die Arkaden der Kreuzgangsflügel zeichnen sich durch einfallsreiche Ornamentik aus. Besonders ausgewogen erscheint der Südflügel, dessen vorkragende Obergeschossgalerie auf fünf säulengetragenen Blendbögen ruht. Innerhalb des neugebauten Kapitelhauses am Ostflügel befand sich die Cyriacuskapelle, die Gerhard zu seiner Begräbnisstelle bestimmt hatte.

Gerhards Zeitgenossen zeigten sich von der Anlage außerordentlich beeindruckt. In einer Urkunde des Kölner Erzbischofs Friedrich II. von 1158 heißt es: „Praeterea quam diligens circa edificia ecclesia exstiterit, tocius sanctuarii et claustri interioris structura declarat, que eius studio a fundamentis erecta et, ut cernitur magnificata est“ (Wie sorglich er sich für den Kirchenbau einsetzte, das beweist der Bau des ganzen Heiligtums und des inneren Klosters, der durch seinen Eifer von Grund auf errichtet wurde und, wie man sieht, vergrößert worden ist).

Die neue Kirche können wir uns nun also vorstellen als einen großen, langgestreckten basilikalen Bau in Kreuzform, doppelchörig mit großer Schaufront im Osten, Kreuzgang an der Südseite, flachgedeckt und mit fünf Türmen bekrönt; zwei kleineren im Westen, zwei großen im Osten und einem eingeschossigen rechteckigen Vierungsturm. Die kurzen Querschiffe endeten noch mit einem rechteckigen Abschluss und wurden erst gegen 1200 polygonal erweitert. Der Abschluss des Westchors war, ähnlich dem des Ostchors, nach außen halb rund. Das Langhaus hatte oberhalb der Seitenschiffe romanische Rundbogenfenster und vor dem Eingang an der Nordseite eine große Vorhalle.
Diese gewaltige Kirche barg die Gräber der heiligen Cassius, Florentius und Mallusius. Am Vorabend des 14. September 1153 erfolgte die Einweihung des Neubaus. Über den Weiheakt sind wir unterrichtet durch die Aufzeichnungen der Visionen der hl. Elisabeth aus dem Kloster Schönau im Taunus, deren Bruder Ekbert Kanoniker des Bonner St. Cassiusstifts war. Ihre Visionen setzten zu Pfingsten 1152 ein und wurden sorgfältig in chronologischer Folge aufgeschrieben. Für 1153 findet sich eine an ihren Bruder gerichtete Schilderung, in der es (wörtlich) übersetzt heißt: „Ich habe auch etwas, das ich dir über die Weihe der Bonner Kirche, die kürzlich geschehen ist (de Bonnensis ecclesiae consecratione, que nuper facta est) berichten möchte“. Dann folgt die Schilderung ihrer Vision, deren historischer Kern darüber informiert, dass am Vorabend des Festes Kreuzerhöhung (14. September) des Jahres 1153 eine feierliche Weihehandlung im Bonner Münster stattgefunden hat.

Tumba Gerhards von Are
Zeichnung von 1788
Natürlich wissen wir heute nichts über die Beweggründe, die dazu führten, dass Propst Gerhard im Jahre 1166 die Gräber öffnen ließ und die Märtyrergebeine von Cassius, Florentius und Mallusius erhob. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es seine Intention war, damit seine Stellung gegenüber den anderen Stiften weiter zu behaupten, denn im Mittelalter waren Anzahl und Herkunft der Reliquien nicht unerheblich für den Einfluss einer Kirche. Zudem waren zwei Jahre zuvor in Köln die Gebeine der Heiligen Drei Könige ausgestellt worden und auch Aachen hatte bereits 1165 die Erhebung der Gebeine Karls des Großen gefeiert. Sicherlich wollte Propst Gerhard dabei keinesfalls zurückstehen, da mit der Reliquienerhöhung auch eindeutig wirtschaftliche Interessen verbunden waren, wie die Verleihung von Jahrmärkten in Aachen und Bonn bezeugt. Auffallend ist jedoch, dass nun plötzlich in Bonn der Name eine dritten Heiligen, Mallusius, ins Spiel kommt, der zuvor nie in diesem Zusammenhang genannt worden war. Wie es zur Verehrung dieses Heiligen kam, bleibt ungewiss, doch war es vielleicht wichtig, nachdem die Kölner Hauptkirche nun drei Heilige vorweisen konnte, die Zahl der Heiligen des Bonner St. Cassiusstifts (heute Münsterkirche) aus Prestigegründen zu erhöhen. Dabei wollte man vielleicht auch den Abstand zu den Konkurrenzstiften St. Gereon in Köln und St. Viktor in Xanten, die jeweils nur einen Heiligen aus der Thebäischen Legion vorweisen konnten, uneinholbar vergrößern.

Jedenfalls eröffnete Propst Gerhard am 2. Mai 1166 in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Reinalds von Dassel – dem berühmten Paladin Kaiser Barbarossas – und einer großen Menschenmenge die Gräber der heiligen Märtyrer in der Grabkammer der Münsterkirche. Um allen Zweifeln zu begegnen, ließ der Propst demonstrativ verkünden, man habe noch jetzt, 973 Jahre nach dem Martyrium, trockenes Blut in den Gräbern gefunden. Die Kölner Königschronik vermerkte dies mit den Worten: „Eodem anno Reinoldus archiepiscopus et Gerhardus praepositus Bunnensis beatissimos martyres Cassium, Florentium et Mallusium 6. Non. Maii cum inenarrabili cleri devotione et multitudine populi transtulerunt, invento sicco quidem, sed evidenti sanguine ipsorum, cum annis 973 passio ipsorum transacta fuerit“ (Im selben Jahr erhoben Erzbischof Reinald und Propst Gerhard von Bonn die heiligen Märtyrer Cassius, Florentius und Mallusius am 2. Mai mit unbeschreiblicher Hingabe des Klerus und einer zahlreichen Volksmenge und fanden zwar trockenes, aber deutlich erkennbares Blut, obgleich seit ihrer Leidenszeit 973 Jahre vergangen waren).

Für die Gebeine der drei Heiligen Cassius, Florentius und Mallusius hatte Gerhard vor der Erhebung kostbare goldene Schreine anfertigen lassen, in denen diese anschließend aufbewahrt wurden. Beschrieben werden diese Schreine in einem Reisebericht vom April 1537 als große Tumben von fast Menschenlänge. Im Schatzverzeichnis der Münsterkirche von 1588 heißt es, der Reliquienschrein von Cassius bestünde ganz aus Silber und Gold und sei mit kostbaren Edelsteinen besetzt. Hier wird auch eine ganz aus Silber und Gold gefertigte und mit Edelsteinen besetzte Büste des Cassius erwähnt, die das Haupt des Märtyrers barg. Im Kölnischen Krieg wurde dieser enorme Schatz leider geraubt und eingeschmolzen.

Vor 850 Jahren also wurden diese Schreine nach einer feierlichen Prozession über den Münsterplatz auf dem Hauptaltar der Kirche aufgestellt und den Gläubigen zur Verehrung dargeboten. Anlässlich des Festes gewährte Erzbischof Reinald dem St. Cassiusstift einen dreitägigen zoll- und abgabefreien Markt auf dem Münsterplatz. Der Markt wurde von nun an jährlich als großes Kirchenfest unter Beteiligung der Bürgerschaft mit einer großen, feierlichen Prozession und der Umtragung der Reliquien begangen, eine Tradition, die bis heute (wenn auch am 10. Oktober, dem Gedenktag der Märtyrer) fortgeführt wird.

Am 6.10.1643 erhob Kurfürst-Erzbischof Ferdinand von Bayern die Märtyrer Cassius und Florentius zu Bonner Stadtpatronen. Seit 2008 ist die heilige Adelheid von Vilich die dritte Bonner Stadtpatronin.
 
Exkurs: Was ist mit Mallusius?

Wie seine Kameraden Cassius und Florentius stammte auch Mallusius aus der von Kaiser Maximianus befehligten thebäischen Legion. Nachdem Mitglieder der aus Christen bestehenden Einheit sich geweigert hatten, ihrem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen, ließ dieser sie der Legende nach in rasender Wut hinrichten und alle übrigen Thebäer verfolgen. So sollen des Kaisers Schergen am Ende des 3. Jahrhunderts Cassius, Florentius und Mallusius am Fuß des Kreuzbergs enthauptet haben (heute Mordkapelle in Bonn-Endenich). Kaiserin Helena soll die Leichen gefunden und am Ort der heutigen Münsterkirche begraben haben.

Während Cassius und Florentius nun bereits seit dem 7. Jahrhundert als Patrone des Bonner Münsters bezeugt sind, bleibt die Herkunft Mallusius’ unklar. Zwar wird er mehrfach in Verbindung mit den Thebäern genannt, nicht aber im Zusammenhang mit der Münsterkirche. Im Bericht des Küsters Theoderich der Abtei Deutz erscheint er gemeinsam mit Florentius als Gefolgsmann des Kölner Märtyrers Gereon, wobei Cassius nicht erwähnt wird. Als dritter Märtyrer des Bonner St. Cassiusstifts (heute Münsterkirche) erscheint Mallusius erst 1166 bei der Erhebung der Gebeine durch Gerhard von Are. Allerdings ist er zusammen mit Cassius und Florentius an der Decke der nach 1156 ausgemalten Doppelkirche von Schwarzrheindorf abgebildet! Zudem gab es in der Abtei St. Thomas in Andernach im 12. Jahrhundert eine Krypta „sanctorum martyrum Cassii, Florentii, Mallusii“ (der heiligen Märtyrer Cassius, Florentius, Mallusius) – sie ist aber wahrscheinlich erst nach 1166 auf diesen Namen geweiht worden. Mallusius bleibt also fest mit dem 2. Mai 1166 verbunden. Wieso er aber immer im Schatten von Cassius und Florentius blieb und 1643, als die beiden Letztgenannten durch Ferdinand von Bayern zu Bonner Stadtpatronen erhoben wurden, sogar vergessen oder bewusst ausgelassen wurde, muss leider unbeantwortet bleiben und kann wohl nicht mehr geklärt werden.

Dieser Artikel beinhaltet in weiten Strecken wörtliche Auszüge aus: Josef Niesen, Gerhard von Are. Propst des Bonner St. Cassiusstifts von 1124 bis 1169, in: Bonner Geschichtsblätter, Band 57/58, Bonn 2008.

Sonntag, 6. März 2016

Geschichte der Bonner Straßenbeleuchtung (Gaslaternen)


F. Leizel, Guckkastenbild,
um 1777 (Ausschnitt),
abgebildet in: I. Riemer,
Altes Bonn, S. 36.
Vergrößerter Ausschnitt
Die mittelalterlichen Straßen Bonns waren noch vollkommen unbeleuchtet. Aus anderen Städten weiß man, dass Jungen mit Fackeln die späten Zecher der Gaststuben gegen Geld nach Hause begleiteten, ihnen „heimleuchteten“. Aus Bonn gibt es zwar mangels Quellen keine solche Überlieferung, doch darf man annehmen, dass es hier genauso war. Erst der Barock wollte diesen Umstand beseitigen und es war der noch junge Kurfürst Clemens August, auf dessen Befehl hin der Bonner Magistrat den Bedarf für eine ausreichende Straßenbe-leuchtung errechnen sollte. Am 2. März 1736 legte man dem Kurfürsten eine Rechnung vor, die besagte, dass man dazu 300 Laternen benötige und jede von ihnen in der Anschaffung sieben Reichstaler kosten werde. Wegen der hohen Kosten ließ der Kurfürst daraufhin von seinem Plan ab. Dennoch scheint er einzelne Stellen der Stadt mit Licht ausgestattet zu haben. Die älteste Abbildung, die ich dazu finden konnte, stammt aus dem Jahr 1777 und zeigt mehrere Laternen am Marktbrunnen (siehe Bild oben, die Laternen sind unmittelbar auf das Gitter aufgesetzt).

Laternenanzünder
(unbekannte Stadt)
Doch waren es erst die französischen Behörden, die ein Jahr nach der Besetzung Bonns am 7. November 1795 die flächendeckende Beleuchtung der Stadt durch Laternen verordneten. Bis zur tatsächlichen Anschaffung der ersten 50 Stück dauerte es allerdings nochmals dreizehn lange Jahre. Erst am 23. Dezember 1808 wurde der Kauf beschlossen. Mit der neuen Beleuchtung wurde auch ein neuer Beruf geschaffen: der Laternenanzünder. Jeden Abend ging er mit seiner langen Zündstange durch die Straßen, um die Kerzen zu entflammen. Ebenso, wie er jeden Morgen die Kerzen wieder löschen musste. Mittels einer Leiter mussten die Laternen neu bestückt oder der Docht beschnitten werden. Dieser Aufwand ließ die Beleuchtungskosten bereits im Jahr 1839 auf jährlich 1780 Taler steigen. Die ersten Kerzen, sogenannte Unschlittkerzen, bestanden noch aus minderwertigem Talg und wurden im Laufe der Zeit durch die kostengünstigeren Rüböl-Lampen ersetzt, deren Öl aus Raps- und Rübensamen gewonnen wurde.

Das 1845 niedergelegte Josefstor,
abgebildet in: N. Schloßmacher,
Matthias Frickel. Bonner Stadtansichten, S. 108
Um 1840 baumelten bereits etwa 100 solcher Lampen an langen Zugketten über den Straßen (siehe Bild links). Keine zehn Jahre später konnte jedoch auch dieses stinkende und qualmende Brennmaterial durch das qualitativ wesentlich bessere Mineralöl ersetzt werden. In einer Anzeige der Bonner Zeitung vom 6. Februar 1851 preist ein Herr H. A. Leduc aus der Wenzelgasse das „neue Beleuchtungs-Material“ an, das mit „einer weißen, hellleuchtenden, ruhigen Flamme“ brenne. Allerdings wurden für das Mineralöl eigens konstruierte Lampen benötigt.
 
Anzeige in der Bonner Zeitung
vom 6.2.1851
1850 gab es 145 solcher neuen Öllaternen in der Stadt, die etwa 1800 Taler pro Jahr kosteten, nicht eingerechnet die hohen Kosten für die vielen mutwilligen Zerstörungen der Lampen. Die Reparaturkosten für das Jahr 1850 betrugen 88 Taler und 19 Silbergroschen, womit man laut Stadtrat sieben weitere Laternen hätte betreiben können. Mutwillig herbeigeführter Sachschaden an den Laternen gab es aber schon von Anfang an.

Haus am Giertor mit Laterne,
Zeichnung von 1856,
gut zu erkennen die Zugkette,
mit der die Höhe verstellt
werden konnte
abgebildet in: I. Riemer,
Altbonner Bilderbuch, S. 54
Im Januar 1840 kam es deswegen sogar zu einem handfesten Skandal. Nachts hatten sich grölende Studenten auf dem Markt versammelt und unter dem Ruf „Die Laternen müssen herunter“ damit begonnen, Steine auf die Laternen an der Marktfontäne zu werfen. Herbeieilende Nachtwächter als Vertreter der städtischen Gewalt versuchten, das zu verhindern und die Studenten abzuführen. Doch damit übertraten sie ihre Befugnisse, denn damals standen die Studenten unter der alleinigen Gewalt des Universitätsrichters und seiner Pedellen. Der Universitätskurator beschwerte sich deswegen bei der Stadt mit den Worten: „daß der Unfug an den städtischen Laternen nicht auf Rechnung der Studirenden allein geschrieben werden darf“, weil doch bekannt sei, dass auch die Bürger, wenn „sie des Abends das Wirtshaus verließen, ihren Mutwillen gleich an der nächsten Laterne“ auslassen würden. In der Folge mussten von nun an die Pedelle gemeinsam mit den städtischen Nachtwächtern die Bonner Straßen kontrollieren.


"Nachtskandal an der Pyramide", nachträglich gezeichnet 1855,
abgebildet in: I. Riemer, Altbonner Bilderbuch, S. 44.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich in anderen Städten – zunächst in London, später auch in Hannover und Berlin – bereits die Beleuchtung mit Gas durchgesetzt. In Bonn dauerte es mal wieder – wie so oft – etwas länger, bis die moderne Zeit Einzug hielt. Und dass längst nicht jeder mit der neuen Zeit einverstanden war und es auch Widerstände gab, zeigt ein Zeitungsartikel aus der Kölnischen Zeitung vom 28. März 1819, in dem eindringlich vor der neuen Beleuchtung gewarnt wurde. Dort heißt es:

Jede Straßenbeleuchtung ist verwerflich
1.) aus theologischen Gründen: weil sie als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint. Noch tiefer ist die Macht zur Finsternis eingesetzt, die nur zu gewissen Zeiten vom Mondlicht unterbrochen wird. Dagegen dürfen wir uns nicht auflehnen, den Weltplan nicht hofmeistern, die Nacht nicht in Tag verkehren wollen -
2.) aus juristischen Gründen; weil die Kosten dieser Beleuchtung durch eine indirekte Steuer aufgebracht werden sollen. Warum soll dieser und jener für eine Einrichtung zahlen, die ihm gleichgültig ist, da sie ihm keinen Nutzen bringt, oder ihn gar in manchen Verrichtungen stört?-
3.) aus medizinischen Gründen; die Oel- und Gasausdünstung wirkt nachteilig auf die Gesundheit schwachleibiger oder zartherziger Personen, und legt auch dadurch zu vielen Krankheiten den Stoff, indem sie den Leuten das nächtliche Verweilen auf den Straßen leichter und bequemer macht, und ihnen Schnupfen, Husten und Erkältung auf den Hals zieht -
4.) aus philosophisch-moralischen Gründen; die Sittlichkeit wird durch Gassenbeleuchtung verschlimmert. Die künstliche Helle verscheucht in den Gemüthern das Grauen vor der Finsternis, das die Schwachen von mancher Sünde abhält. Diese Helle macht den Trinker sicher, daß er in Zechstuben bis in die Nacht hinein schwelgt, und sie verkuppelt verliebte Paare -
5.) aus polizeilichen Gründen; sie macht die Pferde scheu und die Diebe kühn -
6.) aus staatswirtschaftlichen Gründen; für den Leuchtstoff, Oel oder Steinkohlen, geht jährlich eine bedeutende Summe ins Ausland, wodurch der Nationalreichthum geschwächt wird -
7.) aus volksthümlichen Gründen; öffentliche Feste haben den Zweck, das Nationalgefühl zu erwecken. Illuminationen sind hierzu vorzüglich geschickt. Dieser Eindruck wird aber geschwächt, wenn derselbe durch allnächtliche Quasi-Illuminationen abgestumpft wird. Daher gafft sich der Landmann toller in dem Lichtglanz als der lichtgesättigte Großstädter.

Lithografie von 1847, Ausschnitt,
gut zu erkennen die Bogenlampen
abgebildet in: I. Riemer,
Altes Bonn, S. 63.
Erst 1847 schloss Bürgermeister Karl Edmund Joseph Oppenhoff (übrigens der erste hauptamtliche Oberbürgermeister der Stadt) mit der Aachener Firma Sabey & Cie. einen Vertrag, der der Stadt die Gasbeleuchtung auf 25 Jahre sichern sollte. Allerdings musste er wegen Nichterfüllung schon ein Jahr später auf dem Klageweg aufgelöst werden. 1850 wurde Leopold Kaufmann zu Oppenhoffs Nachfolger ernannt. Kaufmann zeigte besonders viel Initiative zur Verschönerung der Stadt; auf ihn geht beispielsweise die Sanierung der Rheinfront mit dem Bau der Rheinpromenade zurück. Auch für eine bessere Beleuchtung der nächtlichen Straßen setzte er sich ein. Am 11. November 1851 begab er sich mit einem Ausschuss des Magistrats nach Düsseldorf, um die dortige Beleuchtung durch Patentgas zu begutachten. Die Bonner Zeitung vom 16. November 1851 berichtete darüber: „Sowohl die Beleuchtung auf den Straßen als in öffentlichen Lokalen hat völligen Beifall gefunden und gedenkt man für Bonn eine ähnliche Beleuchtung in Bälde einzuführen“. Nun gab es seit den 1840er Jahren bereits in manchen Bonner Privathäusern Gasbeleuchtung. Dazu wurde das Gas vom Unternehmer Seibel in eisernen Ballons durch die Stadt gefahren und am entsprechenden Haus mittels eines Gummischlauchs in die dort befindlichen Gasbehälter gepumpt. Dies funktionierte zwar im Kleinen, war aber für eine komplette Straßenbeleuchtung natürlich nicht ausreichend. Deshalb schrieb die Stadt Bonn am 26. März 1852 die „Bedingungen aus, unter welchen das ausschließliche Recht der Beleuchtung der Straßen und Plätze mit laufendem Gas einem Unternehmer während eines Zeitraums von 25 nach einander folgenden Jahren übergeben werden soll“. Den Zuschlag erhielt Alexander Oster, der in der Breitestraße die erste Bonner Gasanstalt eröffnete. Am 20. November 1853 war es dann soweit: die ersten Öl-Lampen wurden durch moderne Gaslaternen ersetzt. Die Kosten waren mit insgesamt 3113 Taler veranschlagt (auch die Gaslaternen mussten zunächst von Hand angezündet werden, bis die Technik soweit voran schritt, dass man sie mit Druckstößen im Gasnetz anzünden konnte).


Ansichtskarte um 1920. Argelanderstraße mit
"moderner" Gaslaterne
Gaslaterne in Herne
(baugleiches Modell wie Bonn)
Foto: WikiUser: Stahlkocher
Am 14. Februar 1854 konnte mit der Gas-Lieferung begonnen werden. Übrigens rissen in der Folgezeit die Klagen der Bevölkerung über die schlechte Qualität in Verbindung mit zu hohen Gaspreisen nicht ab, so dass Oberbürgermeister Hermann Jakob Doetsch (seit 1875 im Amt) sich gezwungen sah, den Vertrag mit Oster am 1. April 1879 zu kündigen. Die Stadtverordnetenversammlung entschloss sich daraufhin, die städtische Beleuchtung in eigener Regie zu übernehmen. Noch im selben Jahr wurde das erste städtische Gaswerk in Betrieb genommen und die Stadt durch nunmehr 1120 Gaslaternen mit Schnittbrennern beleuchtet. 1899 waren es dann schon 1658 in Bonn, 134 in Poppelsdorf und 10 in Privatstraßen. Zudem brannten erstmals zwölf elektrische Bogenlampen in der Dunkelheit, womit eine neue Ära eingeleitet wurde.

Marktplatz mit Bogenlampe, Ansichtskarte von 1898,
eigene Sammlung
Dass der Unterhalt der Beleuchtung nicht gerade kostengünstig war, zeigt der Verwaltungsbericht der Stadt Bonn aus dem Jahr 1904. Nach diesem gab es im Rechnungsjahr (1.4.1903-31.3.1904) in Bonn 2140 mit Glühlichtbeleuchtung versehene Gaslaternen mit 2275 Flammen. Von diesen brannten 1363 die ganze Nacht durch. Zusätzlich gab es 22 elektrische Bogenlampen mit 15 Ampére und 12 separate elektrische Bogenlampen nur für die Beleuchtung an der Stadthalle. Die Jahreskosten beliefen sich auf ganze 49.000,48 Mark, davon alleine 28.758,80 Mark „Anzündelöhne“. Bis etwa 1920 stieg die Zahl der Leuchtkörper in Bonn auf stattliche 3200 Gaslaternen und 465 elektrische Lampen.

Bis in die heutige Zeit versahen die alten Bonner Gaslaternen stellenweise noch ihren Dienst. Im November 2015 konnte man im General-Anzeiger lesen, dass nun die letzten Gaslaternen, die noch in der Südstadt standen, endgültig ausgetauscht werden. Damit endet leider eine kulturgeschichtlich hochinteressante Epoche. Ich werde das wunderbar gelb-warme Licht ebenso vermissen, wie das leise Zischen unter den Laternen. Es war wie ein Gruß aus längst vergangenen Zeiten.