Freitag, 14. August 2015

Das Beethoven-Denkmal von 1845


Am 12.8.1845 – vor 170 Jahren – wurde das Beethoven-Denkmal auf dem Münsterplatz eingeweiht. Geschaffen worden war es von dem damals noch jungen Bildhauer Ernst Julius Hähnel als erstes Personendenkmal des Rheinlands.

Hähnels Biografie, die genau Vorgeschichte zum Denkmal, der Transport durch halb Deutschland und die Geschehnisse der drei Tage dauernden Inaugurationsfeier habe ich ausführlich in meinem Buch „Bonner Denkmäler und ihre Erbauer“ (Edition Lempertz, Königswinter 2013, ISBN 978-3943883527) beschrieben. Auch die nachfolgenden Ausführungen zur Ikonographie des Denkmals stammen teils wörtlich aus diesem Buch:

Beethoven-Denkmal, Münsterplatz
Foto: Josef Niesen, 2012.



Das Beethoven-Denkmal besteht aus einem schlichten gestuften Sockel, über dem sich ein hohes, aus Fußgesims, langem Schaft und Kranzgesims bestehendes Postament als Träger der überlebensgroßen Beethoven-Statue erhebt. Zwischen der oben umlaufenden Schmuckleiste und der unteren Profilkante befinden sich an allen vier Seiten erhaben aufgesetzte Reliefs mit allegorischen Darstellungen, die einen thematischen Bezug zu Beethovens kompositorisches Schaffen aufweisen. Die Bildnisse an der Ost- und Westseite sind als Flachreliefs, die an der Nord- und Südseite als Hochreliefs gestaltet.








Die Phantasie
1. Die Phantasie

Dem Münsterplatz zugewandt ist die Darstellung der Phantasie (oder auch Poesie) in Frauengestalt. Als kleinstes Relief zeigt sie in einem schlichten rechteckigen Rahmen eine auf einer nach links springenden Sphinx sitzende, halbnackte, lyraspielende weibliche Figur, das Gewand faltenreich um die Hüfte geschwungen und die Beine bis auf die linke Fußspitze bedeckend. Ein vom Hals herabhängendes Tuch flattert mit den Haaren dekorativ im Wind. Auf dem Haupt trägt die personifizierte Phantasie einen Blätterkranz. Mit ihrer linken Hand hält sie die Lyra, die sie mit der rechten Hand schlägt. Dramatisch haben sich ihre Haare in den Saiten verfangen, ihr Blick ist in den Himmel gerichtet. Unter dem Bild prangt in erhabenen Lettern die Inschrift: Ludwig van Beethoven / geb. zu Bonn MDCCLXX.

Die Allegrorie der Phantasie weist ganz allgemein auf Beethovens schöpferische und speziell kompositorische Kraft hin.


2. Die Sinfonie

Gegenüber, an der Westseite zur Post hin, zeigt sich die schwebende „Sinfonie“, aufrecht mit leicht angewinkeltem linken Bein, von der Hüfte abwärts mit einem die Beine bis auf die Füße bedeckenden Tuch umschlungen. Vor dem nackten Oberkörper greift in Höhe der Brust der rechte Arm zu der mit links gehaltenen Kithara, um mit den Händen die Seiten anzuschlagen. Hinter dem lorbeerbekränzten Haupt wehen, umrahmt vom flatternden Mantel, die lockigen Haare wild im Wind. Verzückt schaut die Muse in den Himmel. Umgeben ist sie dabei von einem Reigen schwebender Putti, die mit ihren Attributen die vier kompositorischen Teile einer Sinfonie verkörpern sollen. Zwei fast nackte Putti im Vordergrund sind vollständig sichtbar, die beiden anderen, im Dreiviertelprofil dargestellten, sind teilweise verdeckt.

Die Sinfonie
Der links neben der Gestalt der Sinfonie schwebende Putto hält mit beiden Händen ein in der Scheide steckendes Schwert, Sinnbild des ersten sinfonischen Satzes (Allegro).
Schräg hinter und unter ihm hält der zweite Putto eine zu Boden zeigende brennende Fackel mit seiner linken Hand. Um den rechten Arm windet sich eine zum tödlichen Biss bereite Schlange. Beides versinnbildlicht den zweiten Satz (Adagio/Trauermarsch).
Rechts neben der Muse erstrahlt als Symbol des dritten Satzes (Scherzo) in lachender Fröhlichkeit der dritte Putto, der mit der rechten Hand Kastagnetten und mit der linken einen Thyrsosstab mit Pinienzapfen-Knauf als Zeichen bacchantischer Freude hält.
Der den vierten Satz (Allegro/Vivace) bezeichnende Putto bewegt sich ganz im Vordergrund vor den Beinen der Muse nach rechts, eine Triangel als Symbol der unbeschwerten Freude schlagend.

Die Allegorie der Sinfonie zeigt Beethovens sinfonisches Schaffen mit den Sinfonien 1-9 und deren klassische Einteilung in die vier Sätze Allegro, Adagio, Scherzo und Allegro (Vivace).


Die geistliche Musik
3. Die geistliche Musik

An der südlichen, zur Münsterkirche weisenden Seite des Postaments befindet sich die nach rechts an einer Orgel sitzende Personifikation der geistlichen Musik in aufwändig drapiertem Gewand, den Fuß auf einer kleinen Bank aufgestellt, die Hände auf der Tastatur aufliegend mit geschlossenen Augen und halb geöffnetem Mund innig ins Spiel versunken. Haare und Ohren sind von einem bis auf die Schultern herabhängenden Tuch verdeckt. Die Figur ragt mit dem Oberkörper in einen schön profilierten Tondo hinein. Die Zwickel des Bildnisses sind mit Lorbeerkränzen und geschwungenen Bändern ausgefüllt.

Auf einen weiteren wichtigen Teil in Beethovens Schaffen soll uns diese Allegorie hinweisen: die Messen in C-Dur und D-Dur (Missa solemns).




Die dramatische Musik
4. Die dramatische Musik

Als Gegenstück zur geistlichen Musik ist auf der Nordseite die dramatische Musik in Frauengestalt dargestellt. Auch hier ragt der Oberkörper in einen gleichermaßen wie auf der Südseite gestalteten Tondo hinein. Die nach links gewandte Figur sitzt neben einer sechsseitigen Kithara, die rechte, im Schoß liegende Hand hält ein kleines Blasinstrument, die andere ist mit auf dem Oberschenkel aufgestütztem Ellbogen zum Hals geführt. An der frontal sichtbaren Kithara lehnt eine bärtige männliche Maske, eine weitere Larve trägt die Muse hochgeschoben auf dem lockigen Haupt. Bekleidet ist sie mit einem weit fallenden Gewand, das am Oberkörper gegürtet ist. Das vordere, linke Bein hat sie lässig über das andere geschlagen.

Die Dramatik spielt im Ausdruck Beethovenscher Musik eine entscheidende Rolle. Darauf weist ganz allgemein diese Allegorie hin. Gemeint ist sowohl Beethovens Bühnenmusik als auch seine Oper, seine Klavierwerke und Lieder, seine Kammermusik und seine Orchesterwerke.


Über diesem Postament mit seinen allegorischen Darstellungen erhebt sich die überlebensgroße Statue Beethovens in Schrittstellung. Der rechte Fuß schiebt sich über die Plinthe hinaus – Vorbild für viele später errichteten Statuen –, die Hand des rechten, ausgestreckten Arms hält einen Bleistift mit der Geste des augenblicklichen Innehaltens beim Komponieren. Der linke Arm ist angewinkelt, die Hand hält einige Notenblätter vor der Brust. Der Kopf mit den langen, wirren Haaren ist aufgerichtet, der Blick schweift streng und konzentriert in die Ferne, der Mund wirkt verkniffen. Bekleidet ist die Figur Beethovens in zeittypischer Manier mit langer Hose, doppelreihig geknöpftem Gehrock, offenem Hemd und Halstuch. Ein darüber gezogener und vorne hochgehaltener Mantel lässt nur den unteren Teil des rechten Beins sowie den linken Fuß sichtbar werden. Vom Gehrock erscheinen nur das breite Revers und zwei Knopfreihen. Hinten fällt der Mantel bis auf den Boden herab.

Der noch junge Bildhauer Hähnel zeigt uns Beethoven nicht in dessen jugendlichem Alter, das er beim Verlassen Bonns hatte, sondern als gereifter und bereits berühmter Komponist der späten Wiener Jahre. Hähnels persönliche Verehrung für Beethoven drückt sich bereits in der Wahl des Standbilds als vornehmste Art des bürgerlichen Denkmals aus, das, einst Monarchen, Feldherren und Staatsmänner vorbehalten, bei Künstlern und Gelehrten im 19. Jahrhundert zum Ausdruck höchster Anerkennung wurde. Das Bonner Beethoven-Denkmal stellt das früheste und zugleich wichtigste Beispiel dieses Typs im Rheinland dar. Noch inspiriert vom „herben Klassizismus der Rauch-Schule“ (so Adolf Schmoll in seiner Beschreibung), wirkt die Statue durch den schweren bis zum Boden fallenden Mantel in sich geschlossen und wird zugleich zu einer etwas allgemeingültigeren, idealisierteren Erscheinung, die den Genius Beethovens in den Vordergrund rückt. Der Blick des Betrachters wird unwillkürlich auf den Kopf des Dargestellten gelenkt, in dessen ausdrucksvollem Gesicht sich die Konzentration auf den schöpferischen Gedanken spiegelt. Als zentrales Denkmal Bonns ist diese hervorragende Arbeit Hähnels schon längst zu einem der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt geworden und aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Wenn Sie also das nächste Mal über den Münsterplatz gehen, nehmen Sie sich die Zeit und schauen Sie sich das Denkmal - und besonders seine Allegorien - einmal ganz genau an!