Sonntag, 7. Juni 2015

Bonns erstes Hallenbad: das Viktoriabad.


Heute ist es selbstverständlich, dass jede mittlere und größere Stadt eine oder mehrere öffentliche Badeanstalten besitzt, wobei es in Bonn heute ganze fünf Freibäder, drei Hallenbäder und ein kombiniertes Hallen- und Freibad gibt. Im 19. Jahrhundert sah das jedoch noch ganz anders aus.

Um das wilde und nicht ungefährliche Schwimmen im Rhein in geordnete und vor allem sichere Bahnen zu leiten, ließ Oberbürgermeister Johann Martin Joseph Windeck nur knapp ein Jahr nach Amtsantritt einen Badeplatz in der Gronau errichten. Die neue Badeverordnung wurde am 14. Juni 1818 im Bonner Wochenblatt bekanntgegeben: „Der Oberbürgermeister der Stadt Bonn macht andurch bekannt, daß in der Gronau an der sogenannten großen Pappelweide der Badeplatz ausgewählt und mit Pfählen bezeichnet worden ist. Außerhalb diesem Platze ist ist (sic!) es unter Polizeystrafe verboten sich im Rheine zu baden. Die Polizey-Agenten und Feldschützen sind beauftragt, auf den strengsten Vollzug zu machen, und jede Zuwiderhandlung dem Polizeigerichte anzuzeigen

Männerschwimmhalle des Viktoriabades
Eine feste Badeanstalt erhielt Bonn erst 1826, und zwar am rechten Rheinufer, um den Treidelverkehr auf dem Leinpfad nicht zu behindern, wo die Schiffe an langen Leinen durch Pferde stromaufwärts gezogen (getreidelt) wurden. Später eröffnete die erste „Städtische Badeanstalt“ wiederum in der Gronau, wo sie den Schiffsverkehr nicht störte. Hier erlernte ab 1877 auch der Sohn Kaiser Friedrichs III. und Prinzessin Victorias von Großbritannien, der spätere Kaiser Wilhelm II, das Schwimmen.

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Leinpfad durch die aufkommende Dampfschifffahrt seine Bedeutung verlor, eröffnete 1863 eine linksrheinische „Schwimm- und Badeanstalt“ auf der Höhe der ersten Fährgasse. Sie bestand allerdings nicht aus einem festen Gebäude, sondern aus einem am Ufer ankernden Schiff mit entsprechenden Aufbauten, die als Umkleidekabinen genutzt wurden. Die Badezone wurde durch Schwimmbalken vor dem Schiff markiert. 1873 eröffnete die erste Anstalt nur für Frauen auf einem solchen Badeschiff. Im Volksmund grassierte damals für moralisch zweifelhafte Frauen der Ausspruch „die jeht schwemme“, weil man glaubte, für eine echte Dame würde sich das nicht schicken.

Frauenschwimmhalle des Viktoriabades
Bis zur Jahrhundertwende entstanden auf diese oder ähnliche Weise mehrere Badeanstalten in Bonn. Doch bis zum ersten Bonner Hallenbad sollte es noch bis 1906 dauern. Zwar wandte sich bereits 1898 der Vorstand des „Liberalen Bürgervereins“ an die Stadtverwaltung mit der Bitte, den Bau eines Bades „ernstlich ins Auge zu fassen“, doch nahm die Suche nach einem geeigneten Platz noch mehrere Jahre in Anspruch. Erst 1902 erwarb die Stadt das Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters an der Franziskanerstraße und begann mit den Umbauarbeiten. Dabei mussten vor allem die dort vorhandenen Betriebswerkstätten der Gas- und Wasserwerke verlegt werden. Trotz erheblicher Mehrkosten entschloss man sich bei der Planung, nicht auf eine separate Schwimmhalle für Frauen zu verzichten, da die „notwendige Förderung der Gesundheitspflege gerade beim weiblichen Geschlecht“ diesen Aufwand rechtfertige. Der erste Spatenstich erfolgte am 24. April 1903; die Eröffnung des neuen Bades fand am 1. Februar 1906 statt. Es trug den Namen Viktoriabad nach der Schwester des Kaisers, Viktoria zu Schaumburg-Lippe, die auch zu den Ehrengästen zählte. Daneben vertreten waren ihr Gatte, „Seine Durchlaucht“ Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe, der Oberpräsident der Rheinprovinz, der Regierungspräsident mit mehreren hohen Beamten, Vertreter der Stadt Köln, der Vorsitzende des Niederrheinischen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege, der Kurator und der Rektor der Universität, Professoren und Honoratioren und nicht zuletzt Oberbürgermeister Wilhelm Spiritus mit sämtlichen Beigeordneten und vielen Stadtverordneten, wie stolz die Bonner Zeitung vom 2. Februar 1906 vermeldete. Vor allem waren die „Vertreter der hygienischen Wissenschaft“ und „sämtliche Schulärzte“ anwesend. Der Schöpfer des Bades, der bereits durch einige hervorragende Bauten in Erscheinung getretene Bonner Stadtbaurat Rudolf Schultze (1854-1935), hielt im Vestibül die Eröffnungsrede. Anschließend veranstaltete der kurz zuvor gegründete Bonner Schwimmverein mit 22 Mann ein „prächtiges Schauschwimmen“ mit „Reigen- und Figurenschwimmen“ sowie „mit größter Exaktheit“ ausgeführten Kunstsprüngen.

Oben rechts in der Ecke
sieht man die Dächer der
beiden Schwimmhallen
Viktoriabad von oben

Da das Viktoriabad im Hinterhof des Grundstücks lag, besaß es keine eigentliche Schauseite, was der Grund dafür sein mag, dass sich kaum Fotos erhalten haben. Dennoch bestand es aus einem imposanten Gebäude-Ensemble, dass sich um zwei Schwimmhallen gruppierte. Schon der separat an der Franziskanerstraße liegende Eingang war gigantisch. Das tempelartige Portal wurde von zwei flankierenden karyatidenähnlichen Figuren getragen, die halb als Mensch und halb als Wasserwesen mit Fischflossen dargestellt waren. Über ihnen schwebten zwei Putten, die das Bonner Stadtwappen trugen. Geschaffen hatte die Skulpturen – wie auch den gesamten ornamentalen und figuralen Schmuck im Inneren des Gebäudes – der aus Köln stammende Bildhauer Karl Menser (1872–1929), der bereits 1905 die prächtige Fassade der Bonner Feuerwache in der Maxstraße entworfen hatte.

Eingangsportal an der
Franziskanerstraße
Der sorgfältigen Gliederung des verputzen Backsteinbaus entsprach die gediegene und stilvolle Innenausstattung in der Kunstsprache des Historismus. Das gotisch gewölbte Vestibül mit seinen Deckenbemalungen muss ein prachtvolles Bild gegeben haben. Von dort aus hatte man Zutritt zu allen Baderäumen. Rechts lag die riesige Männerschwimmhalle mit einem Wasserbecken von 230 Quadratmetern Größe und 72 baldachinartigen Umkleideräumen. Die mehrgeschossige Halle in neo-romanischem Stil gemahnte an alte römische Bäder, ebenso wie der mit einem pompejianischen Fresko geschmückter Gang, der zu ihr führte. Äußere Umgänge waren für Besucher des Bades vorgesehen, innere für die Badegäste. Auf der Galerie im ersten Geschoss befand sich beidseitig je eine Reihe mit abwechselnden Säulen und Pfeilern, die die großen Rundbögen der Wände trugen. Die riesigen Glasfenster der Giebelwand ließen Licht in den Raum fluten. Das Becken war mit grün-blauen Platten belegt, als Wasserzulauf diente der aufgerissene Rachen eines Löwen.

Die Schwimmhalle der Frauen war mit dem 140 Quadratmeter großen Becken und 32 „Auskleidezellendeutlich kleiner und ganz im orientalischen Stil gehalten. Die Ausschmückungen müssen prächtig gewesen sein und die von Arabesken und Zierborden gegliederten Wände in farbigster Pracht bemalt. An der galeriefreien Seite befanden sich Bronze-Reliefs mit den Darstellungen von badenden Frauen.

Im Obergeschoss wies das Viktoriabad sogenannte „römisch-irische Bäder“ mit einem großen Ruheraum und Kammern für Dampf- und Heißluftbäder auf. Daneben gab es einen „Brauseraum mit Halbkuppelnischen“ und einen Massageraum. Im Erd- und Untergeschoss wiederum befanden sich 30 Wannenbäder mit glasierten Kachelwannen, 11 Zellen für Brausebäder und die Waschküche. Die gesamten Baukosten beliefen sich auf die stolze Summe von 638.000 Mark.

Die Wichtigkeit dieses ersten Bonner Hallenbades lag keineswegs nur im Schwimmsport begründet, sondern und vor allem – und das in einer Zeit, in der nur wenige Haushalte über ein eigenes Badezimmer verfügten – in der Gesundheitsvorsorge. Das erklärt auch die Anwesenheit von Gesundheitspolitikern, Ärzten und Hygienikern bei der Eröffnung, die mit größtem Pomp zelebriert wurde. Die Bonner Zeitung widmete der Beschreibung der Feierlichkeiten nicht um sonst fast eine ganze Seite.


Vestibül des Viktoriabades
Der 8. Februar 1906 war der erste Tag, an dem das Bad für die Öffentlichkeit zur Verfügung stand. 300 Besucher wurden an diesem Tag gezählt, im gesamten Eröffnungsmonat waren es über 8.000! Die Regeln für die Benutzung des Schwimmbads waren streng. Beispielsweise durfte die Benutzung der Schwimmhalle „einschließlich des Aus- und Ankleidens 50 Minuten nicht überschreiten“. Verboten war zudem „das Baden ohne Badehosen oder Schwimmanzug (...) ebenso das Betreten des äußeren Umganges in halb oder ganz entkleidetem Zustande“. Nicht zugelassen zu den Schwimm- und Heilbädern wurden „unsaubere, mit Hautausschlag, Haarkrankheiten oder anderen Anstoß erregenden Krankheiten behaftete Personen“. Auch das Personal unterlag strengen Auflagen. Da hieß es: „Das Trinken von Branntwein während des Dienstes hat die sofortige Entlassung zur Folge. Das Rauchen, Lesen von Zeitungen und Büchern, sowie die Verrichtung von Privatarbeiten in der Anstalt ist den Angestellten verboten.“ Und weiter: „Das Schneiden von Hühneraugen der Badegäste ist den Angestellten während des Dienstes untersagt.“ Wobei man davon ausgehen kann, dass es woanders üblich war, dies gegen ein entsprechendes Aufgeld zu tun.

In den kommenden Jahren kam es zu einer umfassenden Elektrifizierung und bereits 1913 wurde im Eingangsbereich ein elektrischer Automat für den Eintrittskartenverkauf aufgestellt. Die großen Teppiche, die im Viktoriabad auslagen, wurden ab 1914 mit einem elektrischen Staubsauger des Typs Econo gereinigt, der die Stadt 500 Reichsmark gekostet hatte. Schon 1912 hatte man ein sogenanntes „Lichtbad“ errichtet, bei dem der Badegast in einem verschlossenen Apparat durch 35 Glühbirnen, verstärkt durch Spiegel, zum Schwitzen gebracht wurde.

Dächer der Schwimmhallen mit dem
Schornstein des Heizwerks
Viktoriabad nach dem
Bombenangriff von 1944

Während des Ersten Weltkriegs stockte der Betrieb des Bades. Stand es zunächst noch verwundeten Soldaten kostenfrei zur Verfügung, musste der Betrieb jedoch später wegen Kohlemangels ganz eingestellt werden. Nach dem Krieg wurde das Bad von den Besatzungstruppen konfisziert und für die Öffentlichkeit gesperrt. Erst wegen der anhaltenden Proteste der Bevölkerung wurde es nach und nach wieder freigegeben. Die in den 1920er Jahren einsetzende Inflation verhinderte jedoch einen rentablen Badebetrieb und das Bad stand nur noch stundenweise zur Verfügung. 1923, auf dem Höhepunkt der Hyperinflation, musste ein Badegast gar 2.500 Milliarden Reichsmark zahlen.

Fensterfassade des neuen Viktoriabades am Belderberg,
Foto: Wiki-User: Hageman
1944 wurde auch das Viktoriabad durch die verheerenden Fliegerangriffe des Zweiten Weltkriegs in Mitleidenschaft gezogen. Es wies zwar starke Schäden auf, gänzlich zerstört war es aber nicht, so dass man es nach dem Krieg für den Schwimmbetrieb wieder herrichten konnte. Am 11. November 1947 erfolgte die Wiedereröffnung.

Fensterfassade von innen,
Foto: Volker Lannert, Bonn

 Da das Viktoriabad dem gewaltigen Bevölkerungszuwachs der 1950er und 1960er Jahre nicht gewachsen war und ein Ausbau wegen des begrenzten Platzangebots nicht in Frage kam, entschloss sich der Stadtrat 1969, den alten Bau komplett abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzten. Eingeweiht wurde er am 2. Februar 1971. Der Bau war nun etwas weiter östlich, mit der Langseite am Belderberg errichtet worden; der Eingang lag nach wie vor in der Franziskanerstraße. An der Kopfseite des 25 x 16,67 Meter großen Schwimmbeckens befanden sich ein Ein-Meter-Sprungbrett sowie eine Drei-Meter und eine Fünf-Meter-Plattform. Das Lehrbecken war 16,67 x 8 Meter groß. Der einzige Schmuck des ansonsten sehr funktional gehaltenen Bades bildete die 30 x 7,60 Meter große farbige Fensterfassade an der Ostseite. Anders als oft behauptet handelt es sich aber nicht um ein Glasfenster, sondern um farbig gestaltete Kunstharzplatten, hergestellt von der Kölner Firma Botz und Miesen. Entworfen hatte es der bedeutende Architekt, Bildhauer und Glasmaler Gottfried Böhm, was 2013 dazu führte, dass das Fenster in die Denkmalliste der Stadt Bonn eingetragen wurde, obwohl das Viktoriabad selbst bereits 2010 seinen Betrieb dauerhaft eingestellt hat.

Nun steht der Abriss bevor.

Quellen:
Bonner Wochenblatt vom 14.6.1818
Bonner Zeitung vom 2.2.1906.
General-Anzeiger Bonn vom 11.4.2013.

Literatur:
Schloßmacher, Norbert u. a., Bonn in Bewegung. Eine Sportgeschichte, Essen 2011.
Höroldt, Dietrich/van Rey, Manfred, Bonn in der Kaiserzeit 1871–1914, Bonn 1986.
Höroldt, Dietrich, Bonn ehemals, gestern und heute, Stuttgart 1983.
Schenkelberg, Lothar/Tiesel, Klaus, Bonn. Ein verlorenes Stadtbild, Gudensberg-Gleichen 1999.
Bothien, Horst-Pierre/Stang, Erhard, Bonn im Bombenhagel, Kassel 2004.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen