Sonntag, 19. Oktober 2014

Bonn und seine Heiligen: Seliger Ritter Heinrich von Bonn.


Ankunft des Kreuzfahrer-
heeres in Konstantinopel,
Jean Fouquet, 1460
-
Die Geburt Heinrichs liegt, wie bei den meisten mittelalterlichen Biographien, im Dunkeln. Über seine Herkunft und Jugend schweigen die Quellen. Ins Licht tritt er erst im Zusammenhang mit dem zweiten, von Bernhard von Clairveaux gepredigten Kreuzzug, an dem er als Kreuzritter „Heinrich von Bonn“ im Mai des Jahres 1147 teilnahm. Ob er in Bonn bereits geboren wurde oder nur ortsansässig war, weiß man nicht. Die englischen, flämischen und deutschen Kreuzfahrer nahmen den Seeweg nach Portugal, landeten auf der Iberischen Halbinsel und eroberten das von Mauren besetzte Lissabon. Bei dieser Schlacht fiel Heinrich und wurde später in einem Grab auf dem deutschen Friedhof beerdigt, den der portugiesische König Alfonso Henriques I. nahe der Kirche Nossa Senhora dos Mártires für die Gefallenen gestiftet hatte.
Alfonso Henriques I.

Schon in den zeitgenössischen Berichten werden Wunder erwähnt, die sich hier an den Gräbern der Gefallenen (schon bald Märtyrer genannt) ereignet haben sollen. In einem 1188 abgefassten Bericht über das Kloster São Vicente wird ein Deutscher besonders gerühmt: Ritter Heinrich von Bonn, aus „einer Stadt vier Meilen hinter Köln“. Es heißt dort, eine Palme wüchse aus seinem Grab heraus und an seinem Grab seien zwei Taubstumme geheilt worden. Um die Glaubwürdigkeit des Berichts zu untermauern, werden zwei Augenzeugen genannt: Fernandus Petri und ein Kleriker namens Otha. Interessant dabei ist die Beschreibung der genauen geographischen Lage Bonns. Die Heilung der Taubstummen ist exakt geschildert: die Beiden hätten am Grab Heinrichs verweilt und dort eine Vision erlebt, in der ihnen Ritter Heinrich im Gewand eines Pilgers erschienen sei, in den Händen eine Palme tragend. Bald darauf hätten sie wieder sprechen können. Auch in einem englischen Bericht eines Kreuzzugteilnehmers wird die Heilung der Taubstummen am Grab Heinrichs erwähnt. Doch es gibt weitaus mehr Nachrichten über Heinrich, alleine fünf friesische Chroniken sprechen über den Ritter und die an seinem Grabe geschehenen Wunder. In der Chronik des Abts Emo vom Kloster Wittewierum in den Niederlanden findet sich der Brief eines Kreuzfahrers, der im Jahre 1217 aus Lissabon berichtet und die fünfzig Jahre zuvor stattgefundene Eroberung der Stadt detailliert schildert. In seinem Bericht wird Heinrich ein „princeps militiae Christianae“, also ein Anführer einer Heeresgruppe genannt. Zudem steht der Name „Henricus“ als Beiname zu „Poptetus Ulvinga“ - was bedeutet, dass sein deutscher Name „Heinrich Poppo Ulvinga“ gewesen wäre, wenn es sich tatsächlich um den selben Ritter Heinrich handelt und nicht eine Namensverwechslung vorliegt. In der Literatur ist durchaus umstritten, ob Henricus Poptetus Ulvinga nicht ein anderer Ritter aus friesischen Geschlecht gewesen sei.

Kloster und Kirche São Vincente in Lissabon
Foto: Wiki-User CC BY-SA 3.0

Fest steht jedoch, dass die Verehrung unseres Ritter Heinrichs als Seligen ohne Zweifel auf die früheste Gründungsphase des Klosters São Vincente zurück geht und schon 1217 schriftlich bezeugt ist. Auch Abt Emo schreibt, dass der selige Heinrich „durch göttliche Offenbarung kanonisiert“ worden sei, was im 17. Jahrhundert durch den Erzbischof von Lissabon nochmals bestätigt wird, der die Kanonisierung Heinrichs durch Gott betont. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert wird Heinrich definitiv als Seliger verehrt. Der portugiesische Schriftsteller Duarte Galvao schrieb im 16. Jahrhundert, er sei extra nach Bonn gereist, in die Stadt aus der „jener berühmte Ritter gestammt hat, welcher bei der Eroberung Lissabons so große Verdienste errungen hat“.

Als 1582–1629 die Kirche São Vincente in Lissabon neu erbaut wurde, überführte man Heinrichs Gebeine in den Neubau und bestattete sie neben dem Altar des hl. Antonius, wo Heinrich bis heute von vielen Gläubigen angerufen wird. Ein Gedenktafel an seinem Epithaph weist auf ihn hin.

Reliquiar Heinrichs in der
Bonner Münsterkirche
Foto: Josef Niesen
Gotischer Schrein,
Nahaufnahme
Foto: Josef Niesen

Am 18.4.1966 wurde mit kirchlicher und staatlicher Genehmigung Heinrichs Sarg geöffnet, wobei man feststellte, dass beim Neubau der Kirche tatsächlich der alte Sarg mit den Gebeinen in das neue Gotteshaus überführt worden war. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Reliquie des seligen Heinrichs in das Bonner Münster transloziert und in einem kostbaren gotischen Schrein im rechten Seitenschiff beigesetzt.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Bonn und seine Heilgen: Adelheid von Vilich.


Adelheid auf einem Pilgerblatt
von 1718
Adelheid ist die früheste Bonner Persönlichkeit, die in die Geschichte eingegangen ist. Sie stammte aus einer adeligen Familie und war die Tochter von Megingoz, Graf von Geldern, und dessen Ehefrau Gerberga. Ihr Vater besaß große Güter bei Geldern am Niederrhein und in der Nähe von Bonn. Als Gegner der deutschen Herrschaft in Lotharingien ergriff er die Partei Heinrichs, kämpfte 941 auf dessen Seite beim zweiten Aufstand gegen König Otto I., musste fliehen und konnte sich so vor der Todesstrafe retten. Aus seiner Ehe mit der aus höchstem Hause stammenden Gerberga, Tochter des Pfalzgrafen Gottfried und Enkelin des westfränkischen Königs Karl III. (des Einfältigen), gingen fünf Kinder hervor. Der einzige Sohn Gottfried fiel 976/977 im Kampf gegen die Böhmen, seine Schwestern Irmintrud und Alverad heirateten standesgemäß während Bertrada als Ordensfrau Äbtissin des Kölner Stifts St. Maria im Kapitol wurde. Das jüngste Kind, Adelheid, wurde nach 965 und vor 970 auf Burg Geldern bei Pont geboren, wo sie auch ihre Kindheit verbrachte.

Modell der Burg Geldern, Geburtsort von Adelheid

Ihre umfassende Ausbildung erhielt sie im Kölner Kloster St. Ursula, in das sie bereits als junges Mädchen eingetreten war, jedoch ohne die Ordensgelübte abzulegen. Als ihr einziger Bruder Gottfried gefallen war, gründeten die Eltern ihm zum Angedenken 978 auf ihrem Grund und Boden in (Bonn-)Vilich ein Frauenkloster neben einer bereits seit dem 8. oder 9. Jahrhundert befindlichen kleinen Kirche, die wohl schon zuvor als Friedhofskapelle genutzt worden war. 987 wurde aus dem Kloster ein Reichsstift mit besonderen Privilegien. Da die ältere Bertrada bereits Äbtissin des Kölner Klosters Maria im Kapitol war, setzten die Eltern Adelheid als Leitung des Stifts ein, das sie später in ein Kloster umwandelte und deren erste Äbtissin sie wurde.

Kirche St. Peter in Vilich
Foto: Hans Weingartz
Während der Hungerjahren im Rheinland um das Jahr 1 000 erlangte Adelheid als Helferin der Armen hohes Ansehen. Der Überlieferung nach habe sie kniend um Regen gebetet und sich dabei auf ihren im Boden steckenden Äbtissinnen-Stab gestützt. Daraufhin sei eine Quelle hervorgesprudelt, die noch heute fließt. Auf dieses Ereignis geht der Name des Beueler Ortsteils Pützchen zurück, der sich vom lateinischen Wort „puteus“ (=Brunnen, Quelle) ableitet, das in seiner rheinischen Form zu „Pütz“ (=Pfütze) wurde und im Diminutiv eben zu Pützchen. Adelheidis verwandte die Einkünfte des Klosters und ihr eigenes Vermögen nahezu ausschließlich für wohltätige Zwecke und gründete neben einem Krankenhaus eine Schule, in der die Kinder der Armen unterrichtet und beköstigt wurden. Auf Wunsch des Kölner Erzbischofs Heribert, dessen Ratgeberin Adelheidis war, übernahm sie um 1002, nach dem Tod ihrer Schwester Bertrada, zusätzlich als Äbtissin die Leitung des Klosters
Reliquienbüste von Adelheid
Foto: Hans Weingartz
Maria im Kapitol. Dort starb sie vermutlich im Jahre 1015 nach einer schweren Erkrankung. Ihr Leichnam wurde per Schiff nach Vilich überführt und im Kloster beigesetzt, wo auch ihre Eltern begraben waren. Nachdem sich an ihrem Grab Wunder ereignet haben sollen, setzte bald ein reger Wallfahrtsbetrieb ein, der sich im Laufe der Jahrhunderte zum größten Jahrmarkt im Rheinland (seit 1367 erstmals als „Pützchens Markt“ erwähnt) entwickelte. Bereits 1222 ist in einer Schrift die Rede von der „heiligen Adelheid“, doch fiel erst 1897 auf, dass sie nicht im offiziellen Heiligenkatalog verzeichnet war. Nach jahrzehntelangem Bemühen um eine förmliche Kanonisation wurde sie am 27.1.1966 durch Papst Paul VI. heilig gesprochen. Am 9.8.2008 wurde sie – neben Cassius und Florentius – zur dritten Stadtpatronin von Bonn erhoben, was am 29.11.2008 durch den Kölner Weihbischof Heiner Koch feierlich verkündet wurde.

Tumba des Grabs von Adelheid,
Foto: Hans Weingartz

Dienstag, 7. Oktober 2014

Bonn und seine Heiligen: Helena.

Sarkophag Helenas,
Bildnachweis: Wiki-User
Jean-Pol GRANDMONT

Die heilige Helena, die Mutter Kaiser Konstantins des Großen, steht in engem Bezug zu Bonn und zur Bonner Geschichte. Geburtsjahr und Herkunft von Flavia Iulia Helena Augusta, wie ihr vollständiger Name lautet, sind bis heute umstritten. Viele Städte wurden bereits als Geburtsort diskutiert – sogar für Bonn gab es gelegentlich Befürworter – doch nach überwiegender wissenschaftlicher Meinung gilt eine Geburt um das Jahr 250 in Drepanon (Provinz Bithynien in der heutigen Türkei) als am Wahrscheinlichsten. Durch Quellen belegt ist jedoch ihre Abstammung aus einfachen Verhältnissen sowie ihre Tätigkeit als „stabularia“, also Gastwirtin. Aus ihrer (vermutlich nichtehelichen) Beziehung zu Constantius Chlorus ging zwischen 272 und 285 der gemeinsame Sohn Konstantin hervor, der 306 zum Kaiser erhoben wurde und nach seiner Bekehrung die Christianisierung seines Reiches vorantrieb. Infolgedessen stieg auch Helena zur Kaisern auf und erlangte besonderen Ruhm durch eine Vielzahl von Kirchengründungen. Zudem soll sie der Legende nach Teile des Kreuzes Christi gefunden haben, ebenso wie die Reliquien der heiligen Drei Könige. Im hohen Alter von 80 Jahren starb sie vermutlich um 328 an einem unbekannten Ort. Ihre Gebeine wurden kurz nach ihrem Tod nach Rom überführt und in einem Mausoleum an der Via Labicana bestattet.

Der Legende nach soll Helena Anfang des 4. Jahrhunderts in Bonn die Gebeine der Märtyrer Cassius und Florentius am Fuß des Kreuzbergs, der Stelle wo sie ermordet worden sein sollen, gefunden und am Ort der heutigen Münsterkirche bestattet haben. Über dem Grab ließ sie der Überlieferung nach eine Kirche erbauen: den Vorläuferbau des heutigen Münsters. Archäologische Beweise gibt es dafür allerdings nicht.

Statue der hl. Helena
von J. Geißelbrunn
Tatsächlich ist aber der Helena-Kult in Bonn jahrhundertealt. Vermutlich geht er auf Propst Gerhard von Are zurück – oder wurde von ihm aufgegriffen –, der um 1135 Helena-Reliquien für die Münsterkirche aus Trier beschaffte und in einem außerordentlich kunstvollen und wertvollen Schrein ausstellen ließ. Auch der Gründungsmythos, die Münsterkirche sei durch die heilige Helena errichtet worden, fällt genau in jene Zeit und ist wahrscheinlich durch Gerhard selbst forciert worden, denn die Rückführung der Kirche auf Kaiserin Helena hob das Ansehen des St. Cassiusstifts als ehrwürdige Kirche erheblich – und damit natürlich auch das Ansehen seines Propstes. So erklärt sich auch, dass die Geschichte der Kirchengründung in Konkurrenz zu Bonn gleichfalls auf die Stiftskirchen St. Viktor in Xanten und St. Gereon in Köln übertragen wurde, die nun auch von sich behaupteten, durch Helena gegründet worden zu sein. Jahrhunderte lang trug jedenfalls die Münsterkirche den Ehrentitel „uralt kaiserliche Kirch“.

Helenenkapelle von außen,
Bildnachweis: Wiki-User
Hawobo



Helenenkapelle von innen:
Foto: Hans Weingartz


Auch die Helenenkapelle, die sich eher versteckt in einem Gebäude romanischen Ursprungs unweit des Münsters befindet, kann baugeschichtlich mit Sicherheit in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts eingeordnet werden, also zu Lebzeiten Gerhards. Patrozinium und Bauzeit sprechen dafür, dass der Propst selbst Bauherr war und es sich hier um seine eigene Hauskapelle handelt. Der ursprüglich an der Westseite befindliche Zugang wurde vermauert, und heute gelangt man ins Innere dieser Kapelle über eine Treppe des Hauses Am Hof 32/34. Der etwa 3,5 x 3,5 Meter große Andachtsraum ist kreuzgratgewölbt und erhält sein Licht durch ein romanisches Doppelfenster an der Nordseite. Durch einen breiten Gurtbogen getrennt und mit einer Stufe erhöht, befindet sich an der Ostseite eine halbrunde Apsis. Hier steht ein gemauerter Blockaltar mit einem – jetzt leeren – Sepulcrum.



Vom Helenen-Schrein, der im Kölnischen Krieg (1583–1588) mitsamt den Reliquien geraubt wurde, wird in einem Reisebericht vom April 1537 berichtet. Dort werden vier große Tumben von fast Menschenlänge beschrieben, von denen der Kostbarsten die Gebeine der hl. Helena, die anderen die der hll. Cassius, Florentius und Mallusius bergen würde. In einem 1588 angefertigten Verzeichnis der Münsterkirche über die geraubten Kunstschätze wird der Reliquienschrein der Helena wie folgt beschrieben: „Die Tumba der h. Stifterin der Kirche St. Helena, welche von den vier vorhandenen die vorzüglichste war, ganz von Silber, vergoldet. Sie wurde im Jahre 1583 von Karl Truchseß mit den Reliquien zerstört und für die Soldaten verwendet. Sie war mit seltener, wunderbarer Kunst ausgearbeitet und mit kostbaren Steinen und Gemmen geschmückt. Ihr Wert über 10.000 Taler.“ Der Wert lässt sich ermessen, wenn im selben Verzeichnis der Kaufwert einer „vorzüglichen Canonical-Wohnung“ für den Kurfürsten mit 2.200 Talern taxiert wird. Der Rostocker Hofarzt Johannes Mellinger bekam in dieser Zeit ein Jahresgehalt von 220 Talern, was als sehr hoch galt.


Franz W. von Wartenberg,
zeitgenöss. Stich

Helenenglocke von
Martin Legros

Der kurkölnischer Premierminister und Propst des Bonner St. Cassiusstifts, Franz Wilhelm von Wartenberg, stiftete der Münsterkirche die noch heute im hinteren Teil der Kirche vorhandene lebensgroße Bronzefigur der Helena, die um 1630 vom bedeutenden Bildhauer Jeremias Geißelbrunn geschaffen wurde. Eine weitere kunstvolle Bronzefigur der Heiligen schuf 1755 Willem Rottermondt mit seinem Sohn für die Kreuzbergkirche.

1756 widmeten die Stiftsherren eine von Martin Legros neu gegossene, 1650 Kilogramm schwere Glocke im Münsterturm der hl. Helena. Zu sehen ist ihr Abbild außerdem auf dem Altar der Stadtpatrone, auf dem Rahm-Epitaph im nördlichen Seitenschiff sowie dem Urbanus-Altar, ebenso wie auf einem Messkelch aus dem 19. Jahrhundert, der jährlich beim Fest der
Stadtpatrone am 10. Oktober in der Liturgie verwendet wird.

Seit dem 12.5.2012 besitzt das Bonner Münster auch wieder eine Helena-Reliquie. Es handelt sich um ein Geschenk des Trierer Domkapitels. Die Bonner Reliquie wird nun in einem eigens dazu angefertigten goldenen Reliquiar im Altar der Stadtpatrone rechts neben dem Hauptportal aufbewahrt.

Freitag, 3. Oktober 2014

Bonn und seine Heiligen: Cassius, Florentius und Mallusius

Jedes Jahr am 10. Oktober feiert Bonn das Fest seiner Stadtpatrone Cassius und Florentius. Im Bonner Münster wird die Festdekade traditionell mit einen feierlichen Gottesdienst eröffnet. Zur Tradition gehören auch das Kerzenopfer des Bonner Stadtrates, die feierliche Eröffnung der Gruft durch dreimaliges Klopfen mit dem goldenen Vortragskreuz und eine Prozession mit der Umtragung der Büsten der Heiligen. Diese Tradition besteht bereits seit 1166. Doch woher kommt sie, wer sind Cassius und Florentius und was macht Mallusius?


Cassius und Florentius,
Fenster von Weigmann,
Münsterkirche
Cassius, Florentius und Mallusius gelten als Märtyrer der katholischen Kirche. Der Legende nach waren sie Ende des 3. Jahrhunderts Heerführer der aus Christen bestehenden Thebäischen Legion, die von Kaiser Maximianus zur Bekämpfung eines Aufstands an den Niederrhein entsandt worden war. Nachdem sich ein beim Kaiser verbliebener Teil der Einheit unter ihrem Anführer Mauritius geweigert hatte, ihrem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen, ließ Maximianus sie in rasender Wut hinrichten und die am Rhein befindlichen übrigen Thebäer verfolgen. In Xanten ließ er Victor und seine Gefährten ermorden, in Köln Gereon und seine 318 Soldaten und in Bonn Cassius und Florentius mit sieben weiteren Offizieren, darunter Mallusius. Der Bonner Hinrichtungsort „in ungeweihter Erde“ soll am Fuß des Kreuzbergs gewesen sein, dort wo sich heute die Marterkapelle als Teil des Endenicher Benediktinerinnen-Klosters Maria-Hilf befindet. Auch der Straßenname „Mordkapellenpfad“ erinnert noch an die Stelle und das Ereignis. Kaiserin Helena soll später die Leichen der kurz zuvor Gemarterten dort gefunden und am Ort der heutigen Münsterkirche begraben haben.

Archäologisch nachweisbar sind unter der Krypta der Münsterkirche drei schräg zur Kirchenachse liegende spätrömische Sarkophage, zu denen eine cella memoriae aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts gehört, die nachweisbar auf einem spätrömischen Gräberfeld errichtet worden ist. Über dieser Kultstätte erhob sich spätestens Ende des 4. Jahrhunderts eine Saalkirche von 13,70 m Länge und 8,80 m Breite. Heute befinden sich genau dort die Krypta und der Langchor des Bonner Münsters. Die Gruft mit den drei Gräbern wird alljährlich am Festtag der Heiligen, am 10. Oktober, geöffnet.

Cassius auf dem Bonner
Stadtsiegel aus dem 13. Jhd.

Nachguss des Siegels in Silber,
eigene Sammlung
Die erste schriftliche Erwähnung der Heiligen Cassius und Florentius findet sich im Martyrologium Hieronymianum aus dem frühen 7. Jahrhundert, ist jedoch noch ohne Bezugnahme auf Bonn. Dieser Bezug wird erst hergestellt in einer Urkunde von 691, in der die Münsterkirche erstmals als „basilica ss. Cassii et Florentii“ (Basilika der hll. Cassius und Florentius) in Erscheinung tritt. Die Zuordnung der Heiligen zur Thebäischen Legion scheint wohl nachträglich vorgenommen worden zu sein und ist erst um das Jahr 1000 nachweisbar.

Bei Mallusius bleibt seine Herkunft jedoch längere Zeit unklar. Zwar wird er mehrfach in Verbindung mit den Thebäern genannt, nicht aber im Zusammenhang mit der Münsterkirche. Im Bericht des Küsters Theoderich der Abtei Deutz erscheint er gemeinsam mit Florentius – Cassius wird nicht erwähnt – als Gefolgsmann des Kölner Märtyrers Gereon. Erst 1166 wird er ganz klar als dritter Märtyrer des Bonner St. Cassiusstifts genannt und zwar bei dem Ereignis der Erhebung der Märtyrergebeine durch den Bonner Propst der Münsterkirche, Gerhard von Are.

Gerhard von Are,
Zeichnung der heute
zerstörten Tumba,
Laporterie 1788
Natürlich wissen wir heute nichts über die Beweggründe, die dazu führten, dass Propst Gerhard im Jahre 1166 die Gräber öffnen ließ und die Märtyrergebeine erhob. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es seine Intention war, damit seine Stellung gegenüber den anderen Stiften weiter zu behaupten, denn im Mittelalter waren Anzahl und Herkunft der Reliquien nicht unerheblich für den Einfluss einer Kirche. Zudem waren zwei Jahre zuvor in Köln die Gebeine der Heiligen Drei Könige ausgestellt worden und auch Aachen hatte bereits 1165 die Erhebung der Gebeine Karls des Großen gefeiert. Sicherlich wollte Propst Gerhard dabei keinesfalls zurückstehen, da mit der Reliquienerhöhung auch eindeutig wirtschaftliche Interessen verbunden waren, wie die Verleihung von Jahrmärkten in Aachen und Bonn bezeugt. Auffallend ist jedoch, dass nun plötzlich in Bonn der Name eine dritten Heiligen, Mallusius, ins Spiel kommt, der zuvor nie in diesem Zusammenhang genannt worden war. Wie es zur Verehrung dieses Heiligen kam, bleibt ungewiss, doch war es vielleicht wichtig, nachdem die Kölner Hauptkirche nun drei Heilige vorweisen konnte, die Zahl der Heiligen des Bonner St. Cassiusstifts (Münsterkirche) aus Prestigegründen zu erhöhen. Dabei wollte man vielleicht auch den Abstand zu den Konkurrenzstiften St. Gereon in Köln und St. Viktor in Xanten, die jeweils nur einen Heiligen aus der Thebäischen Legion vorweisen konnten, uneinholbar vergrößern.
Vor allem kommt nun auch plötzlich noch die heilige Helena ins Spiel, von der nicht nur behauptet wurde, sie hätte die Gebeine der Heiligen gefunden und an den späteren Ort transloziert, sondern auch, sie wäre die Erbauerin der Münsterkirche gewesen. Dieser Gründungsmythos fällt genau in jene Zeit. Wahrscheinlich war es Gerhard selbst, der die Helena-Verehrung einführte und bereits schon um 1135 die Helena-Reliquien beschafft hatte. Ihre Reliquien wurden damals in einem sehr kostbaren Schrein aufbewahrt und verehrt, bis sie in den Wirren des Kölnischen Kriegs 1587 geraubt wurden.

Figur der hl. Helena,
Münsterkirche
Unbestritten ist jedenfalls, dass die Rückführung der Kirche auf Kaiserin Helena und die große Anzahl Heiliger das Ansehen des St. Cassiusstifts als ehrwürdige Kirche hob und damit natürlich auch das Ansehen seines Propstes. So erklärt sich auch, dass die Geschichte der Kirchengründung in Konkurrenz zu Bonn gleichfalls auf die Stiftskirchen St. Viktor in Xanten und St. Gereon in Köln übertragen wurde, die nun plötzlich auch von sich behaupteten, durch Helena gegründet worden zu sein.

Jedenfalls eröffnete Propst Gerhard am 2. Mai 1166 in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Reinalds von Dassel – dem berühmten Paladin Kaiser Barbarossas – und einer großen Menschenmenge die Gräber der heiligen Märtyrer in der Grabkammer der Münsterkirche. Um allen Zweifeln zu begegnen, ließ der Propst demonstrativ verkünden, man habe noch jetzt, 973 Jahre nach dem Martyrium, trockenes Blut in den Gräbern gefunden. Die Kölner Königschronik vermerkte dies mit den Worten: „Reinoldus archiepiscopus et Gerhardus praepositus Bunnensis beatissimos martyres Cassium, Florentium et Mallusium 6. Non. Maii cum inenarrabili cleri devotione et multitudine populi transtulerunt, invento sicco quidem, sed evidenti sanguine ipsorum, cum annis 973 passio ipsorum transacta fuerit“.

Für die Gebeine der drei Heiligen Cassius, Florentius und Mallusius hatte Gerhard vor der Erhebung kostbare goldene Schreine anfertigen lassen, in denen diese anschließend aufbewahrt wurden. Das Haupt des hl. Cassius barg man in einer Silberbüste, die später oft in Prozessionen mitgetragen wurde. Nach einer feierlichen Prozession über den Münsterplatz wurden die Schreine auf dem Hauptaltar der Kirche aufgestellt und den Gläubigen zur Verehrung dargeboten. Anlässlich dieses Festes gewährte Erzbischof Reinald dem St. Cassiusstift einen dreitägigen zoll- und abgabefreien Markt auf dem Münsterplatz. Der Markt wurde von nun an jährlich als großes Kirchenfest unter Beteiligung der Bürgerschaft mit einer großen, feierlichen Prozession und der Umtragung der Reliquien begangen, eine Tradition, die bis heute fortgeführt wird.

Eingang zur Gruft,
Münsterkirche
Gruft der Märtyrer,
Münsterkirche

























In einem Reisebericht vom April 1537 werden vier große Tumben von fast Menschenlänge beschrieben, von denen in der Kostbarsten die Gebeine der hl. Helena, in den andern die der hll. Cassius, Florentius und Mallusius aufbewahrt seien. Im Schatzverzeichnis der Münsterkirche, 1588 angefertigt von Gerhard Alectorius, werden die Reliquienschreine der Helena und des Cassius als ganz aus Silber und Gold bestehend und mit kostbaren Edelsteinen besetzt beschrieben. Hier wird auch eine ganz aus Silber und Gold gefertigte und mit Edelsteinen besetzte Büste des Cassius erwähnt, die das Haupt des Märtyrers barg. Datiert wurden die Schreine und die Büste in die Zeit der Erhebung, also 1166. Im Kölnischen Krieg besetzte Schenck von Nideggen 1587 mit seinen Söldnern die Stadt Bonn und raubte den Kirchenschatz mitsamt den kostbaren Schreinen. Er ließ sie einschmelzen und zu Münzen verarbeiten.

Am 6.10.1643 erhob Kurfürst-Erzbischof Ferdinand von Bayern die Märtyrer Cassius und Florentius zu Bonner Stadtpatronen. Wieso Mallusius unberücksichtigt blieb, kann heute nicht mehr erklärt werden. Seit 2008 ist die heilige Adelheid von Vilich die dritte Bonner Stadtpatronin.