Dienstag, 7. Oktober 2014

Bonn und seine Heiligen: Helena.

Sarkophag Helenas,
Bildnachweis: Wiki-User
Jean-Pol GRANDMONT

Die heilige Helena, die Mutter Kaiser Konstantins des Großen, steht in engem Bezug zu Bonn und zur Bonner Geschichte. Geburtsjahr und Herkunft von Flavia Iulia Helena Augusta, wie ihr vollständiger Name lautet, sind bis heute umstritten. Viele Städte wurden bereits als Geburtsort diskutiert – sogar für Bonn gab es gelegentlich Befürworter – doch nach überwiegender wissenschaftlicher Meinung gilt eine Geburt um das Jahr 250 in Drepanon (Provinz Bithynien in der heutigen Türkei) als am Wahrscheinlichsten. Durch Quellen belegt ist jedoch ihre Abstammung aus einfachen Verhältnissen sowie ihre Tätigkeit als „stabularia“, also Gastwirtin. Aus ihrer (vermutlich nichtehelichen) Beziehung zu Constantius Chlorus ging zwischen 272 und 285 der gemeinsame Sohn Konstantin hervor, der 306 zum Kaiser erhoben wurde und nach seiner Bekehrung die Christianisierung seines Reiches vorantrieb. Infolgedessen stieg auch Helena zur Kaisern auf und erlangte besonderen Ruhm durch eine Vielzahl von Kirchengründungen. Zudem soll sie der Legende nach Teile des Kreuzes Christi gefunden haben, ebenso wie die Reliquien der heiligen Drei Könige. Im hohen Alter von 80 Jahren starb sie vermutlich um 328 an einem unbekannten Ort. Ihre Gebeine wurden kurz nach ihrem Tod nach Rom überführt und in einem Mausoleum an der Via Labicana bestattet.

Der Legende nach soll Helena Anfang des 4. Jahrhunderts in Bonn die Gebeine der Märtyrer Cassius und Florentius am Fuß des Kreuzbergs, der Stelle wo sie ermordet worden sein sollen, gefunden und am Ort der heutigen Münsterkirche bestattet haben. Über dem Grab ließ sie der Überlieferung nach eine Kirche erbauen: den Vorläuferbau des heutigen Münsters. Archäologische Beweise gibt es dafür allerdings nicht.

Statue der hl. Helena
von J. Geißelbrunn
Tatsächlich ist aber der Helena-Kult in Bonn jahrhundertealt. Vermutlich geht er auf Propst Gerhard von Are zurück – oder wurde von ihm aufgegriffen –, der um 1135 Helena-Reliquien für die Münsterkirche aus Trier beschaffte und in einem außerordentlich kunstvollen und wertvollen Schrein ausstellen ließ. Auch der Gründungsmythos, die Münsterkirche sei durch die heilige Helena errichtet worden, fällt genau in jene Zeit und ist wahrscheinlich durch Gerhard selbst forciert worden, denn die Rückführung der Kirche auf Kaiserin Helena hob das Ansehen des St. Cassiusstifts als ehrwürdige Kirche erheblich – und damit natürlich auch das Ansehen seines Propstes. So erklärt sich auch, dass die Geschichte der Kirchengründung in Konkurrenz zu Bonn gleichfalls auf die Stiftskirchen St. Viktor in Xanten und St. Gereon in Köln übertragen wurde, die nun auch von sich behaupteten, durch Helena gegründet worden zu sein. Jahrhunderte lang trug jedenfalls die Münsterkirche den Ehrentitel „uralt kaiserliche Kirch“.

Helenenkapelle von außen,
Bildnachweis: Wiki-User
Hawobo



Helenenkapelle von innen:
Foto: Hans Weingartz


Auch die Helenenkapelle, die sich eher versteckt in einem Gebäude romanischen Ursprungs unweit des Münsters befindet, kann baugeschichtlich mit Sicherheit in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts eingeordnet werden, also zu Lebzeiten Gerhards. Patrozinium und Bauzeit sprechen dafür, dass der Propst selbst Bauherr war und es sich hier um seine eigene Hauskapelle handelt. Der ursprüglich an der Westseite befindliche Zugang wurde vermauert, und heute gelangt man ins Innere dieser Kapelle über eine Treppe des Hauses Am Hof 32/34. Der etwa 3,5 x 3,5 Meter große Andachtsraum ist kreuzgratgewölbt und erhält sein Licht durch ein romanisches Doppelfenster an der Nordseite. Durch einen breiten Gurtbogen getrennt und mit einer Stufe erhöht, befindet sich an der Ostseite eine halbrunde Apsis. Hier steht ein gemauerter Blockaltar mit einem – jetzt leeren – Sepulcrum.



Vom Helenen-Schrein, der im Kölnischen Krieg (1583–1588) mitsamt den Reliquien geraubt wurde, wird in einem Reisebericht vom April 1537 berichtet. Dort werden vier große Tumben von fast Menschenlänge beschrieben, von denen der Kostbarsten die Gebeine der hl. Helena, die anderen die der hll. Cassius, Florentius und Mallusius bergen würde. In einem 1588 angefertigten Verzeichnis der Münsterkirche über die geraubten Kunstschätze wird der Reliquienschrein der Helena wie folgt beschrieben: „Die Tumba der h. Stifterin der Kirche St. Helena, welche von den vier vorhandenen die vorzüglichste war, ganz von Silber, vergoldet. Sie wurde im Jahre 1583 von Karl Truchseß mit den Reliquien zerstört und für die Soldaten verwendet. Sie war mit seltener, wunderbarer Kunst ausgearbeitet und mit kostbaren Steinen und Gemmen geschmückt. Ihr Wert über 10.000 Taler.“ Der Wert lässt sich ermessen, wenn im selben Verzeichnis der Kaufwert einer „vorzüglichen Canonical-Wohnung“ für den Kurfürsten mit 2.200 Talern taxiert wird. Der Rostocker Hofarzt Johannes Mellinger bekam in dieser Zeit ein Jahresgehalt von 220 Talern, was als sehr hoch galt.


Franz W. von Wartenberg,
zeitgenöss. Stich

Helenenglocke von
Martin Legros

Der kurkölnischer Premierminister und Propst des Bonner St. Cassiusstifts, Franz Wilhelm von Wartenberg, stiftete der Münsterkirche die noch heute im hinteren Teil der Kirche vorhandene lebensgroße Bronzefigur der Helena, die um 1630 vom bedeutenden Bildhauer Jeremias Geißelbrunn geschaffen wurde. Eine weitere kunstvolle Bronzefigur der Heiligen schuf 1755 Willem Rottermondt mit seinem Sohn für die Kreuzbergkirche.

1756 widmeten die Stiftsherren eine von Martin Legros neu gegossene, 1650 Kilogramm schwere Glocke im Münsterturm der hl. Helena. Zu sehen ist ihr Abbild außerdem auf dem Altar der Stadtpatrone, auf dem Rahm-Epitaph im nördlichen Seitenschiff sowie dem Urbanus-Altar, ebenso wie auf einem Messkelch aus dem 19. Jahrhundert, der jährlich beim Fest der
Stadtpatrone am 10. Oktober in der Liturgie verwendet wird.

Seit dem 12.5.2012 besitzt das Bonner Münster auch wieder eine Helena-Reliquie. Es handelt sich um ein Geschenk des Trierer Domkapitels. Die Bonner Reliquie wird nun in einem eigens dazu angefertigten goldenen Reliquiar im Altar der Stadtpatrone rechts neben dem Hauptportal aufbewahrt.

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