Freitag, 3. Oktober 2014

Bonn und seine Heiligen: Cassius, Florentius und Mallusius

Jedes Jahr am 10. Oktober feiert Bonn das Fest seiner Stadtpatrone Cassius und Florentius. Im Bonner Münster wird die Festdekade traditionell mit einen feierlichen Gottesdienst eröffnet. Zur Tradition gehören auch das Kerzenopfer des Bonner Stadtrates, die feierliche Eröffnung der Gruft durch dreimaliges Klopfen mit dem goldenen Vortragskreuz und eine Prozession mit der Umtragung der Büsten der Heiligen. Diese Tradition besteht bereits seit 1166. Doch woher kommt sie, wer sind Cassius und Florentius und was macht Mallusius?


Cassius und Florentius,
Fenster von Weigmann,
Münsterkirche
Cassius, Florentius und Mallusius gelten als Märtyrer der katholischen Kirche. Der Legende nach waren sie Ende des 3. Jahrhunderts Heerführer der aus Christen bestehenden Thebäischen Legion, die von Kaiser Maximianus zur Bekämpfung eines Aufstands an den Niederrhein entsandt worden war. Nachdem sich ein beim Kaiser verbliebener Teil der Einheit unter ihrem Anführer Mauritius geweigert hatte, ihrem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen, ließ Maximianus sie in rasender Wut hinrichten und die am Rhein befindlichen übrigen Thebäer verfolgen. In Xanten ließ er Victor und seine Gefährten ermorden, in Köln Gereon und seine 318 Soldaten und in Bonn Cassius und Florentius mit sieben weiteren Offizieren, darunter Mallusius. Der Bonner Hinrichtungsort „in ungeweihter Erde“ soll am Fuß des Kreuzbergs gewesen sein, dort wo sich heute die Marterkapelle als Teil des Endenicher Benediktinerinnen-Klosters Maria-Hilf befindet. Auch der Straßenname „Mordkapellenpfad“ erinnert noch an die Stelle und das Ereignis. Kaiserin Helena soll später die Leichen der kurz zuvor Gemarterten dort gefunden und am Ort der heutigen Münsterkirche begraben haben.

Archäologisch nachweisbar sind unter der Krypta der Münsterkirche drei schräg zur Kirchenachse liegende spätrömische Sarkophage, zu denen eine cella memoriae aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts gehört, die nachweisbar auf einem spätrömischen Gräberfeld errichtet worden ist. Über dieser Kultstätte erhob sich spätestens Ende des 4. Jahrhunderts eine Saalkirche von 13,70 m Länge und 8,80 m Breite. Heute befinden sich genau dort die Krypta und der Langchor des Bonner Münsters. Die Gruft mit den drei Gräbern wird alljährlich am Festtag der Heiligen, am 10. Oktober, geöffnet.

Cassius auf dem Bonner
Stadtsiegel aus dem 13. Jhd.

Nachguss des Siegels in Silber,
eigene Sammlung
Die erste schriftliche Erwähnung der Heiligen Cassius und Florentius findet sich im Martyrologium Hieronymianum aus dem frühen 7. Jahrhundert, ist jedoch noch ohne Bezugnahme auf Bonn. Dieser Bezug wird erst hergestellt in einer Urkunde von 691, in der die Münsterkirche erstmals als „basilica ss. Cassii et Florentii“ (Basilika der hll. Cassius und Florentius) in Erscheinung tritt. Die Zuordnung der Heiligen zur Thebäischen Legion scheint wohl nachträglich vorgenommen worden zu sein und ist erst um das Jahr 1000 nachweisbar.

Bei Mallusius bleibt seine Herkunft jedoch längere Zeit unklar. Zwar wird er mehrfach in Verbindung mit den Thebäern genannt, nicht aber im Zusammenhang mit der Münsterkirche. Im Bericht des Küsters Theoderich der Abtei Deutz erscheint er gemeinsam mit Florentius – Cassius wird nicht erwähnt – als Gefolgsmann des Kölner Märtyrers Gereon. Erst 1166 wird er ganz klar als dritter Märtyrer des Bonner St. Cassiusstifts genannt und zwar bei dem Ereignis der Erhebung der Märtyrergebeine durch den Bonner Propst der Münsterkirche, Gerhard von Are.

Gerhard von Are,
Zeichnung der heute
zerstörten Tumba,
Laporterie 1788
Natürlich wissen wir heute nichts über die Beweggründe, die dazu führten, dass Propst Gerhard im Jahre 1166 die Gräber öffnen ließ und die Märtyrergebeine erhob. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es seine Intention war, damit seine Stellung gegenüber den anderen Stiften weiter zu behaupten, denn im Mittelalter waren Anzahl und Herkunft der Reliquien nicht unerheblich für den Einfluss einer Kirche. Zudem waren zwei Jahre zuvor in Köln die Gebeine der Heiligen Drei Könige ausgestellt worden und auch Aachen hatte bereits 1165 die Erhebung der Gebeine Karls des Großen gefeiert. Sicherlich wollte Propst Gerhard dabei keinesfalls zurückstehen, da mit der Reliquienerhöhung auch eindeutig wirtschaftliche Interessen verbunden waren, wie die Verleihung von Jahrmärkten in Aachen und Bonn bezeugt. Auffallend ist jedoch, dass nun plötzlich in Bonn der Name eine dritten Heiligen, Mallusius, ins Spiel kommt, der zuvor nie in diesem Zusammenhang genannt worden war. Wie es zur Verehrung dieses Heiligen kam, bleibt ungewiss, doch war es vielleicht wichtig, nachdem die Kölner Hauptkirche nun drei Heilige vorweisen konnte, die Zahl der Heiligen des Bonner St. Cassiusstifts (Münsterkirche) aus Prestigegründen zu erhöhen. Dabei wollte man vielleicht auch den Abstand zu den Konkurrenzstiften St. Gereon in Köln und St. Viktor in Xanten, die jeweils nur einen Heiligen aus der Thebäischen Legion vorweisen konnten, uneinholbar vergrößern.
Vor allem kommt nun auch plötzlich noch die heilige Helena ins Spiel, von der nicht nur behauptet wurde, sie hätte die Gebeine der Heiligen gefunden und an den späteren Ort transloziert, sondern auch, sie wäre die Erbauerin der Münsterkirche gewesen. Dieser Gründungsmythos fällt genau in jene Zeit. Wahrscheinlich war es Gerhard selbst, der die Helena-Verehrung einführte und bereits schon um 1135 die Helena-Reliquien beschafft hatte. Ihre Reliquien wurden damals in einem sehr kostbaren Schrein aufbewahrt und verehrt, bis sie in den Wirren des Kölnischen Kriegs 1587 geraubt wurden.

Figur der hl. Helena,
Münsterkirche
Unbestritten ist jedenfalls, dass die Rückführung der Kirche auf Kaiserin Helena und die große Anzahl Heiliger das Ansehen des St. Cassiusstifts als ehrwürdige Kirche hob und damit natürlich auch das Ansehen seines Propstes. So erklärt sich auch, dass die Geschichte der Kirchengründung in Konkurrenz zu Bonn gleichfalls auf die Stiftskirchen St. Viktor in Xanten und St. Gereon in Köln übertragen wurde, die nun plötzlich auch von sich behaupteten, durch Helena gegründet worden zu sein.

Jedenfalls eröffnete Propst Gerhard am 2. Mai 1166 in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Reinalds von Dassel – dem berühmten Paladin Kaiser Barbarossas – und einer großen Menschenmenge die Gräber der heiligen Märtyrer in der Grabkammer der Münsterkirche. Um allen Zweifeln zu begegnen, ließ der Propst demonstrativ verkünden, man habe noch jetzt, 973 Jahre nach dem Martyrium, trockenes Blut in den Gräbern gefunden. Die Kölner Königschronik vermerkte dies mit den Worten: „Reinoldus archiepiscopus et Gerhardus praepositus Bunnensis beatissimos martyres Cassium, Florentium et Mallusium 6. Non. Maii cum inenarrabili cleri devotione et multitudine populi transtulerunt, invento sicco quidem, sed evidenti sanguine ipsorum, cum annis 973 passio ipsorum transacta fuerit“.

Für die Gebeine der drei Heiligen Cassius, Florentius und Mallusius hatte Gerhard vor der Erhebung kostbare goldene Schreine anfertigen lassen, in denen diese anschließend aufbewahrt wurden. Das Haupt des hl. Cassius barg man in einer Silberbüste, die später oft in Prozessionen mitgetragen wurde. Nach einer feierlichen Prozession über den Münsterplatz wurden die Schreine auf dem Hauptaltar der Kirche aufgestellt und den Gläubigen zur Verehrung dargeboten. Anlässlich dieses Festes gewährte Erzbischof Reinald dem St. Cassiusstift einen dreitägigen zoll- und abgabefreien Markt auf dem Münsterplatz. Der Markt wurde von nun an jährlich als großes Kirchenfest unter Beteiligung der Bürgerschaft mit einer großen, feierlichen Prozession und der Umtragung der Reliquien begangen, eine Tradition, die bis heute fortgeführt wird.

Eingang zur Gruft,
Münsterkirche
Gruft der Märtyrer,
Münsterkirche

























In einem Reisebericht vom April 1537 werden vier große Tumben von fast Menschenlänge beschrieben, von denen in der Kostbarsten die Gebeine der hl. Helena, in den andern die der hll. Cassius, Florentius und Mallusius aufbewahrt seien. Im Schatzverzeichnis der Münsterkirche, 1588 angefertigt von Gerhard Alectorius, werden die Reliquienschreine der Helena und des Cassius als ganz aus Silber und Gold bestehend und mit kostbaren Edelsteinen besetzt beschrieben. Hier wird auch eine ganz aus Silber und Gold gefertigte und mit Edelsteinen besetzte Büste des Cassius erwähnt, die das Haupt des Märtyrers barg. Datiert wurden die Schreine und die Büste in die Zeit der Erhebung, also 1166. Im Kölnischen Krieg besetzte Schenck von Nideggen 1587 mit seinen Söldnern die Stadt Bonn und raubte den Kirchenschatz mitsamt den kostbaren Schreinen. Er ließ sie einschmelzen und zu Münzen verarbeiten.

Am 6.10.1643 erhob Kurfürst-Erzbischof Ferdinand von Bayern die Märtyrer Cassius und Florentius zu Bonner Stadtpatronen. Wieso Mallusius unberücksichtigt blieb, kann heute nicht mehr erklärt werden. Seit 2008 ist die heilige Adelheid von Vilich die dritte Bonner Stadtpatronin.

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