Freitag, 22. August 2014

Der Alte Friedhof – bedeutende Grabmäler

Christian Daniel Rauch
Foto um 1855
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand neben den öffentlichen Denkmälern in der Sepulkralkunst das Grabmal als kleines Denkmal des gehobenen Bürgertums, das dessen Ansprüchen und finanziellen Mitteln entsprach. Im Mittelpunkt der Grabplastik stand die individuelle Würdigung des Verstorbenen und seines Lebenswerks, in Ausdruck und Form ganz der klassisch-humanistischen Bildung entsprechend. So knüpfte das Grabmal, zunächst noch geprägt vom Klassizismus, bald an die hochgeschätzte Epoche der griechischen Antike an, ließ deren architektonische Formensprache wiedererstehen und zeigte die Dargestellten gerne in antikisierendem Gewand oder idealer Nacktheit. Ein Beispiel dafür ist der bedeutende Bildhauer Christian Daniel Rauch, dem in seinen frühen Grab- und Denkmälern auf besondere Weise die Verschmelzung von Idealität und Realität gelang, womit er den sogenannten „Berliner Denkmalstil“ begründete. In Bonn ist er mit mehreren Werken vertreten, z. B. mit der Lenné-Büste am Alten Zoll, einer Porträtbüste von Friedrich Wilhelm III. in der Universität sowie auf dem Alten Friedhof mit den Grabmälern von der Familie Frank, von Sulpiz Boissereé und von dem Ehepaar Niebuhr, dessen Grabanlage ich hier ausführlich besprechen werde.

Barthold G. Niebuhr
Barthold Georg Niebuhr (1776–1831), gebürtiger Däne, war ein bedeutender Historiker und Hofhistoriograph der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1816–1823 Gesandter Preußens im Vatikan, lehrte er seit 1825 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, wo er die philologisch-kritische Methode in der Geschichtswissenschaft begründete. Er gilt als der wohl bedeutendste Gelehrte in der Geschichte der Bonner Universität. Nur neun Tage nach seinem Tod starb auch seine Frau Margarete, die bei ihm bestattet wurde.

Zunächst wurde den Eheleuten auf dem Alten Friedhof ein einfaches Grabmal vom Bonner Baumeister Ludwig Lunde errichtet, doch folgte man schon bald der Idee des schwärmerischen Kronprinzen Friedrich Wilhelms IV., ehemals Schüler Niebuhrs an der Bonner Universität, zu einer repräsentativen Neugestaltung des Grabs durch den Berliner Baumeister Carl Friedrich Schinkel. Da Niebuhr zu Lebzeiten in der Bibliothek des Domkapitels von Verona als Sensationsfund die „Institutionen des Gajus“ entdeckt hatte, stellte Schinkel in seiner Grundidee den Bezug zu Verona her, indem er auf den sogenannten veroneser Wandgrab-Typus des Trecento zurückgriff (Wandgräber sind typisch für Italien, in Deutschland waren sie aber eher unbekannt. Die Wandgräber von Verona zeichneten sich im „Trecento“, dem 14. Jahrhundert, vor allem durch eine über die Wandfläche herausragende Ädikula – einer Art kleinem Tempelchen – mit einem von Säulen getragenen Dreiecksgiebel aus).

Grabmal der Eheleute Niebuhr
Daran angelehnt schuf Schinkel nun ein antikisierendes, in drei Felder gegliedertes Wandgrab, wobei der mittlere Teil aus einer in der Höhe herausragenden Ädikula besteht, deren mit einem einfachen Dreiecksgiebel abgeschlossenen Rundbogen von zwei auf Engelskonsolen ruhenden Pilastern und Säulen mit korinthischen Kapitellen getragen wird. Die Decke des Tonnengewölbes ist mit Kassetten versehen. Auf der Plinthe (Grundplatte) der Ädikula ruht ein mit einem Bildnisrelief des Ehepaars Niebuhr versehener antikisierender Scheinsarkophag unter einem marmornen Christusmedaillon, das mit einer kreisförmigen Umschrift aus dem Johannesevangelium versehen ist. Über dem Rundbogen befindet sich halbkreisförmig der Bibelvers „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige“, auf dem Scheitel bekrönt von dem Christusmonogramm mit den griechischen Buchstaben Α und Ω.


Eheleute Niebuhr, Bildnisrelief von
Christian Daniel Rauch
Christusmedaillon





Das halbfigurige Marmorrelief des Ehepaars Niebuhr – übrigens das früheste neuzeitliche Grabmal, auf dem ein Ehepaar thematisiert wurde – schuf der schon oben genannte Schadow-Schüler Christian Daniel Rauch. Zwar hatte er bereits 1838 mit dem Doppelbildnis begonnen, doch zogen sich die Arbeiten noch bis 1841 hin. Das Bildnisrelief gibt sich zwar durchaus „antik“, doch im Gegensatz zur echten Antike ist es, typisch für die sensible Romantik des 19. Jahrhunderts, im Ausdruck wesentlich tiefer empfunden. In griechische Gewänder gehüllt reicht sich das Ehepaar, sich zärtlich den Blick zuwendend, zum letzten Abschied still die Hände. Die Gesichtszüge gestaltete Rauch nach Schattenrissen, Ölbildern und Niebuhrs Totenmaske zwar realistisch aber nicht frei von Idealisierung.

Grabmal Niebuhrs, Aquarell von Christian Hohe, 1842

Diese ganz herausragende spätklassizistische Grabanlage, antike und christliche Stilformen vereinend und unter dem Zeichen des Erlösers stehend, umgeben von einem wunderbaren auf eine Zeichnung Schinkels zurückgehenden Eisengitter, gilt als das bedeutendste Kunstwerk des Alten Friedhofs. Kongenial vereinen sich hier die Architekturformen Schinkels mit der Bildhauerkunst Rauchs zu einem Werk von ausgemacht edler Schönheit.

Nachzulesen ist dieser Artikel ausführlicher in: Josef Niesen, Bonner Denkmäler und ihre Erbauer, Königswinter 2013. Dort finden Sie auch genaue Erläuterungen zu allen kunsthistorischen Begriffen sowie einen genauen Überblick über die Bonner Denkmäler.

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