Dienstag, 24. Juni 2014

Bonner Originale: Schiefgens Kapelle


Im 19. Jahrhundert gab es in Bonn eine aus drei Musikern bestehenden Kapelle, die nach ihrem Gründer Bernhard Schiefgen (auch Schieffer) „Schiefjens Kapell“ genannt wurde. Schiefgen selbst spielte Querflöte, „Bem“, über den leider weiter nichts bekannt ist, Gitarre und „Lutscher“, von dem man nur noch weiß, dass er seinen Spitznamen der Form seiner Nase verdankte, die angeblich einem Kinderflaschensauger geglichen haben soll, spielte Geige. Diese Drei musizierten vorwiegend auf Familienfesten, Hochzeiten, Studentenkneipen und Kirmessen. Bei Namenstagen oder runden Geburtstagen tauchte die Gruppe meist ungefragt auf, überreichte dem Jubilar einen Blumentopf und spielte ein Ständchen. Anschließend sammelte man Geld im Hut ein, nahm den Blumentopf wieder an sich – er wurde ja noch für weitere Jubiläen gebraucht – und zog weiter. Es ist überliefert, dass ihre Konzerte in der Regel von starken Misstönen begleitet waren, was oft die Heiterkeit des Publikums erregte.

Von links: Schiefgen, Bem, Lutscher, Ansichtskarte, eigene Sammlung.

Die wahre Geschichte jenseits der sozialromantischen Anekdoten-Seligkeit sieht etwas anders aus. Diese drei Männer waren arm, ohne Beruf und Schulbildung. Nur ihre Fähigkeit, ein Instrument (schlecht) spielen zu können, brachte sie aus Not zusammen. Sie waren gezwungen, für ein paar Pfennig um ihr nacktes Überleben zu spielen, auch wenn sie ausgelacht wurden. Ihrer musikalischen Unzulänglichkeit bewusst, mussten sie ihren Stolz unterdrücken. So lebten sie ihr entbehrungsreiches Leben auf den Bonner Straßen und in den Armenhäusern. Die Tragik eines solchen Lebens zeigt die Biografie Bernhard Schiefgens, die ich einmal recherchiert habe:

Bernhard Schiefgen
1820 in Danzig geboren, wuchs Schiefgen gemeinsam mit 15 Geschwistern in äußerst beengten Verhältnissen in einer armen rheinischen Familie auf. Der Vater unterrichtete ihn schon früh (mehr schlecht als recht) auf verschiedenen Instrumenten, damit der Junge als Straßenmusikant Geld zum Unterhalt hinzuverdienen konnte. Eine Schul- oder Berufsausbildung erhielt er nicht. Nach der Übersiedlung der Familie nach Bonn spielte Schiefgen als Straßenmusiker zunächst in wechselnder Besetzung, bis er eine feste Kapelle gründete, mit der er zum Bestandteil des Bonner Lebens zur Kaiserzeit wurde. Nach dem Tod seiner beiden Kollegen „Lutscher“ und „Bem“, zog Schiefgen noch eine Weile mit einem Triangel spielenden Jungen durch die Straßen, bis er selbst zu alt wurde. Ohne eigene Wohnung und Besitz, zog er in das Männerasyl „Wilhelm-Augusta-Stift“, wo er am 25.6.1907 völlig verarmt verstarb. Seine Querflöte, das Einzige was ihm geblieben war, vermachte er einer unbekannt gebliebenen Gönnerin, die sie später dem Verein Alt-Bonn (heute Bonner Heimat- und Geschichtsverein) überließ.

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