Montag, 23. Juni 2014

Bonner Persönlichkeiten: Walter Poppelreuter

Eine durchaus problematische Persönlichkeit war Walter Poppelreuter, dessen stramm nationalsozialistische Ausrichtung hier nicht verschwiegen werden soll. Geboren wurde er am 8.10.1885 in Saarbrücken. Nach seinem Studium der Medizin und Psychologie arbeitete er 1914 als Schüler von K. Bonhoeffer in der Berliner Charité. Anschließend betreute er während des Ersten Weltkriegs eine Spezialstation für Kopfschüsse in Köln, wo er Untersuchungen an hirnverletzten Soldaten durchführte. 1920 übernahm er das Institut für Klinische Psychologie in Bonn, seit 1922 als außerordentlicher Professor. Seine Arbeiten zur Psychologie und Pathologie der optischen Wahrnehmung und der Hirnverletzten-Psychologie überhaupt waren bahnbrechend. Im Gegensatz dazu standen seine politischen Ansichten und das daraus resultierende Handeln. Bereits seit 1931 Mitglied der NSDAP, übernahm Poppelreuter den Vorsitz der „Reichsvereinigung der Förderung zur praktischen Psychologie“ und hielt Vorlesungen über „Politische Psychologie als angewandte Psychologie“ anhand von Hitlers Werk „Mein Kampf“. Er verstieg sich zu der Annahme, dieses Buch sei „eigentlich das Lehrbuch der politischen Psychologie“. Beim Gleichstellungskongress der DGfP 1933, in der bereits alle jüdischen Psychologen ausgeschlossen waren, trat Poppelreuter in SA-Uniform auf und hielt eines der Hauptreferate zu Hitlers „Mein Kampf“. In seinem Buch „Hitler, der politische Psychologe“ hetzte er in übelster Weise gegen Juden. Seine Abscheu gegen alles jüdische gipfelte am 10.3.1933 in einer von ihm angestifteten SA-Aktion gegen Otto Löwenstein, den jüdischen Leiter der Rhein. Provinzial-Kinder-Heilanstalt. Nach der damit verbundenen Erstürmung von Löwensteins Klinik durch etwa 100 bewaffnete SA-Männer und dessen Flucht ins Ausland, übernahm Poppelreuter Löwensteins Nachfolge. Am 11.6.1939 verstarb er in Bonn. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Alten Friedhof.

Foto: Kölner Stadtanzeiger vom 11.12.2013


Aufgrund seiner Verdienste als Hirnforscher zunächst auch nach dem Krieg geehrt, gab es in verschiedenen Städten „Poppelreuter-Straßen“ – so auch in Köln –, bis sich seit den 1950er Jahren die Erben Löwensteins dagegen wehrten. So mussten in den versch. Städten die entsprechenden Straßen umbenannt werden. Nur in Köln gab es eine typisch rheinische Lösung: man setzte ein „Josef“ vor den Namen und seitdem heißt sie „Josef-Poppelreuter-Straße“, benannt nach dem ersten Direktor der römischen Abteilung des Wallraf-Richartz-Museums.

Quelle: Josef Niesen, Bonner Personenlexikon, 3. Auflage, Bonn 2011.

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