Montag, 23. Juni 2014

Bedeutende Besucher: Virginia Woolf (1882–1941)


Virginia Woolf
Im Frühjahr 1935 entschlossen sich Virginia Woolf, die wohl bedeutendste Schriftstellerin der 20. Jahrhunderts, und ihr Mann Leonard dazu, Europa zu bereisen. Von Holland wollten sie im eigenen Wagen über Deutschland und die Schweiz bis nach Italien fahren. Die Reise durch das Deutsche Reich war nicht ungefährlich, da Leonard Jude war und die anti-nationalsozialistische Einstellung der Woolfes durchaus bekannt war. Um sich vor antijüdischen Attacken zu schützen, entschied Leonard sich dazu, sein Äffchen „Mitz“ mitzunehmen. In seinem Tagebuch bemerkte er sarkastisch: „no one who had on his shoulder such a ,deer little thing' could be a jew.“ (also: niemand, der solch ein „niedliches kleines Ding“ auf seinen Schultern hat, kann ein Jude sein). Im Mai kamen sie in Bonn an und stellten erschrocken fest, dass wegen des bevorstehenden Besuchs Hermann Görings die Straße gesperrt waren. So entschloss man sich erst einmal zu einem Besuch des Beethovenhauses, um anschließend auf der anderen Rheinseite weiter zu fahren. Doch auch in Beuel herrschte aufgeregtes Treiben, und jubelnde Schulkinder in HJ-Uniformen säumten fahnenschwenkend die Straße, durch die die Woolfes im offenen Wagen fahren mussten. Das Äffchen Mitz saß auf Leonards Schulter und forderte die Begeisterung der Kinder heraus, die alsbald anfingen, das Äffchen mit freudigem Gekreische und mit zum Hitlergruß ausgestreckten Armen zu begrüßen. Leonard schrieb in sein Tagebuch: „When they saw Mitz, the crowd shrieked with delight. Mile after mile I drove between the two lines of corybantic Germans, and the whole way they shouted ‘Heil Hitler! Heil Hitler!’ to Mitz and gave her (and secondarily Virginia and me) the Hitler salute with outstretched arm.“ (übersetzt: Als sie Mitz sahen, kreischte die Menge vor Vergnügen. Ich fuhr Kilometer um Kilometer durch die an beiden Seiten stehenden hemmunglos jubelnden Deutschen, die den ganzen Weg über „Heil Hitler! Heil Hitler!“ schrieen und Mitz [und damit auch Virginia und mich] mit zum Hitlergruß ausgestreckten Armen begrüßten). Statt Göring wurde also nun Mitz mit „Heil Hitler“ begrüßt und zwar kilometerlang, die ganze Königswinterer Straße hinunter bis Unkel. Dort flüchtete sich das Ehepaar Woolf ins Rheinhotel Schultz und verließ so schnell als möglich die Gegend.

Quellen: Josef Niesen, Bonner Personenlexikon, 3. Aufl., Bonn 2011; Oliver Lubrich, Travels in the Reich 1933-1945. Foreign Authors Report from Germany, Mainz 2004.

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