Sonntag, 26. Juni 2016

26.6.2016: 100. Geburtstag von Karlrobert Kreiten.


Karlrobert Kreiten
Foto: Stadtarchiv Bonn

Karlrobert Kreiten gehört, trotz seines frühen Todes, zu den größten musikalischen Talenten des 20. Jahrhunderts. Man mag sich kaum vorstellen, was aus dem Ausnahme-Pianisten geworden wäre, hätten die Nazis ihn nicht mit nur 27 Jahren ermordet.

Geboren wurde er am 26. Juni 1916 in Bonn als Sohn des niederländischen Komponisten und Pianisten Theo Kreiten (1887–1960) und der deutschen Mezzosopranistin Emmy Liebergesell (1894–1985). Kreitens Eltern waren 1913 nach Bonn gezogen, wo der Vater als Konservatoriums-Lehrer tätig war, wie es in den Adressbüchern heißt. Dazu kam zu dieser Zeit eigentlich nur das bedeutende Ziskoven-Konservatorium auf der Coblenzer Straße (heute Adenauerallee) in Betracht, das einen hervorragenden Ruf in ganz Deutschland genoss. Mehrere Jahre bewohnte die Familie ein schönes Haus in der Endenicher Straße 40 – das Geburtshaus Karlroberts – , doch zog sie schon 1917 weiter nach Düsseldorf, wo Theo Kreiten eine Dozentenstelle am Buths-Neitzel-Konservatorium angenommen hatte und die Mutter als Kammersängerin auftrat. Die Eltern erkannten schnell die besondere Begabung des Jungen, der schon früh als Wunderkind galt und bei privaten Musikabenden illustren Gästen wie dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler auf seinem Schiedmayer-Flügel vorspielte.

Foto: karlrobertkreiten.de
Foto: karlrobertkreiten.de

Bereits mit zehn Jahren trat er als Solist in Mozarts Klavierkonzert A-Dur in der Düsseldorfer Tonhalle auf und bestand mit nur zwölf Jahren glänzend seine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Köln, wo er von Peter Dahm unterrichtet wurde. Seine Ausbildung zum Konzertpianisten beendete er 1934 mit Bravour. Danach setzte er seine Studien 1935 bei Hedwig Rosenthal-Kanner in Wien fort, bis er 1937 nach Berlin übersiedelte, wo er – durch Furtwängler gefördert, der ihn für den begabtesten Pianisten Deutschlands hielt – Meisterschüler des brillanten chilenischen Pianisten und hervorragenden Beethoveninterpreten Claudio Arrau wurde. Der war so begeistert von Kreiten, dass er noch 1983 in einem Interview über ihn sagte: „Kreiten war eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich begegnet sind. Wäre er nicht durch das Nazi-Regime kurz vor Kriegsende hingerichtet worden, so hätte er ohne Zweifel seinen Platz als einer der größten deutschen Pianisten eingenommen. Er bildete die verlorene Generation, die fähig gewesen wäre, in der Reihe nach Wilhelm Kempff und Walter Gieseking zu folgen.

Kreiten, der schon in seiner Jugend bedeutende Wettbewerbe gewonnen hatte, eroberte bis 1943 die großen Konzerthäuser mit Werken der Romantik aber auch mit Werken der russischen Avantgarde wie Igor Strawinsky und Sergej Prokofieff. Zudem zeigen die wenigen noch vorhandenen Tondokumente, dass er trotz seiner Jugend bereits ein großer Beethoven-Interpret war. Schon 1933 hatte er sich in Berlin mit Beethovens „Waldstein-Sonate“ den Großen Mendelssohn-Preis erspielt. Doch 1943 war Schluss. Sein letztes Konzert gab der junge Pianist am 23. März 1943 im Berliner Beethovensaal. Für ein Liszt-Konzert in Florenz wurde dem Musiker überraschend die Ausreiseerlaubnis verweigert, so dass die Litfaßsäulen mit dem Namenszug „Carlo Roberto Kreiten“ überklebt werden mussten. Dann, kurz vor Beginn des für den 3. Mai 1943 in Heidelberg geplanten Konzerts wurde Karlrobert Kreiten von der Gestapo verhaftet.

Ausschlaggebend dafür waren seine im privaten Kreis, im Haus von Ellen Ott-Monecke, einer Jugendfreundin seiner Mutter, geäußerten Bemerkung, dass er sehr unter den Lügen des Regimes leide und überzeugt sei, „der praktisch verlorene Krieg“ werde „zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur“ führen. Ellen Ott-Monecke aber stand dem Nationalsozialismus nahe und informierte ihre Nachbarin Annemarie Windmöller, eine Schulungsleiterin der NS-Frauenschaft, die den „Fall“ gemeinsam mit Tiny von Passavent, einer Kreiten missgünstig gesinnten Sängerin, umgehend der Reichsmusikkammer meldete. Nach seiner Verhaftung in Heidelberg wurde Kreiten in die berüchtigte Berliner Gestapo-Zentrale in die Prinz-Albrecht-Straße gebracht, wo er sich bei einer Gegenüberstellung mit den beiden Frauen mit Ausreden zu verteidigen suchte. In seiner Verzweiflung gab er an, er habe nicht seine eigene Meinung dargelegt, sondern nur geäußert, was er „so auf der Bahnstation“ gehört habe. Die Denunziantinnen beharrten aber nicht nur auf ihrer Aussage, sondern gaben auch zu Protokoll, dass sie bei einem von ihnen angeblich arrangierten zweiten Gespräch mit Ellen Ott-Monecke hinter einem Vorhang mitangehört hätten, wie der Pianist seine „kriminellen Äußerungen“ nicht nur wiederholt, sondern nun sogar Adolf Hitler als „Wahnsinnigen“ bezeichnet habe.

Werner Höfer, Moderator des
"Internationalen Frühschoppens"
Foto: karlrobertkreiten.de
Nach zwei Monaten schwerer Haft und wohl auch Folterungen wurde Kreiten ins Untersuchungsgefängnis Moabit verlegt, wo er auch während der Fliegerangriffe gefesselt in seiner Zelle im oberen Stock verbleiben musste. Trotz der Fürsprache bekannter Persönlichkeiten wie Fritz von Borries‘ (Musikreferent des Propagandaministeriums) oder Furtwänglers wollte man an ihm ein Exempel statuieren und eröffnete den Prozess vor dem Volksgerichtshof. In einem Schauprozess unter dem Vorsitz Roland Freislers wurde Kreiten am 3. September 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und vier Tage später, am 7. September 1943, mit nur 27 Jahren und trotz Gnadengesuche, im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Den Eltern des toten Pianisten schickte die Gerichtskasse eine Rechnung für die Hinrichtungskosten über 639,20 Reichsmark, die binnen einer Woche gezahlt werden musste. Der Leichnam von Karlrobert Kreiten wurde der Familie nie übergeben

Als wäre das alles nicht schrecklich genug, erschien am 20. September 1943 im Berliner „12-Uhr Blatt“ in großer Aufmachung ein Artikel Werner Höfers, der die Hinrichtung Kreitens bejubelte. So schrieb er wörtlich:

"Wie unnachsichtig jedoch mit einem Künstler verfahren wird, der statt Glauben Zweifel, statt Zuversicht Verleumdung und statt Haltung Verzweiflung stiftet, ging aus einer Meldung der letzten Tage hervor, die von der strengen Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers berichtete. Es dürfte heute niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen. Das Volk fordert vielmehr, daß gerade der Künstler mit seiner verfeinerten Sensibilität und seiner weithin wirkenden Autorität so ehrlich und tapfer seine Pflicht tut, wie jeder seiner unbekannten Kameraden aus anderen Gebieten der Arbeit. Denn gerade Prominenz verpflichtet!"

1984 beschloss der Rat der Stadt Bonn, in Poppelsdorf eine Straße nach Karlrobert Kreiten zu benennen.

Sonntag, 1. Mai 2016

850 Jahre Erhebung der Gebeine von Cassius und Florentius


Am 2. Mai jährt sich das Fest der Erhebung der Gebeine von Cassius und Florentius zum 850. Mal. 1166 war es der Bonner Propst Gerhard von Are, der die Gebeine der Heiligen in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Reinald von Dassel aus ihren Gräbern erhob, in einer feierlichen Prozession um die Kirche trug und auf dem Hochaltar in zwei prächtigen Schreinen aufbewahrte. Die Verehrung dieser Heiligen ist jedoch sehr viel älter als 850 Jahre und geht vielleicht sogar zurück auf den Beginn der christlichen Totenmemorie (also des Totengedenkens) aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts (nach anderer Meinung vielleicht auch erst Mitte des 4. Jahrhunderts), die sich unter der Krypta der heutigen Münsterkirche befand.

Cella memoriae
Foto: Hans Weingartz
Archäologisch ist diese cella memoriae gut fassbar, doch sagt uns die Archäologie naturgemäß nichts darüber, wem dort gedacht wurde. Die erste schriftliche Erwähnung der Heiligen Cassius und Florentius findet sich im Martyrologium Hieronymianum aus dem frühen 7. Jahrhundert, ist jedoch noch ohne Bezugnahme auf Bonn. Als ausdrücklich „Bonner“ Heilige werden sie aber in einer Urkunde vom 28. Juli 691 genannt, denn dort heißt es „ad basilicam sanctorum Cassii et Florentii“ (bei der Kirche der Heiligen Cassius und Florentius), womit auch erstmals in diesem Zusammenhang eine Grabeskirche (heutige Münsterkirche) in Bonn erwähnt wird. Entstanden war sie an der Stelle der cella memoriae etwa Mitte des sechsten Jahrhunderts als kleine Saalkirche von 13,77 m x 8,88 m Seitenlänge. Um 780 entstand dann ein karolingischer Erweiterungsbau mit einem Chor. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts wurde der Bau niedergelegt und in genauer Ostrichtung durch einen großzügigen Kirchenneubau ersetzt; Grundsteinlegung war um 1040. Dabei wurden die überlieferten Steinsärge der Märtyrergräber als Angelpunkt mit einem Tonnengewölbe überfangen, das heute die Gruft unter der Krypta bildet. Die Kirche selbst wurde als flachgedeckte Kreuzbasilika von fast 70 Metern Länge mit Doppelchor errichtet. An der nördlichen Langhauswand befand sich vor dem Haupteingang eine Vorhalle.

Gräber der Märtyrer mit Tonnengewölbe
unter der Krypta
Foto: http://www.bonner-muenster.de
Lage der cella memoriae
unter dem heutigen Münster
Foto: http://www.bonner-muenster.de
Um 1140 setzte dann durch Propst Gerhard von Are nochmals eine umfassende und aufwendige Bautätigkeit an der Münsterkirche ein. Der alte Langchor und die darunter befindliche Krypta wurden um ein ganzes Geviert nach Osten hin erweitert und mit einer Apsis versehen, die sich in drei Etagen gliedert. Am heutigen, nur wenig veränderten Zustand, erkennen wir noch den ursprünglichen Bau. Über einem breiten Sockel mit drei Kryptafenstern wurde das erste Geschoss errichtet, das durch Halbrundsäulen und Blendbögen in sieben Felder geteilt ist. Das zweite Geschoss, bestehend aus sieben, von freistehenden Säulen getragenen Bögen, hatte drei große, wohl aus farbigem Glas bestehende Chorfenster. Darüber befindet sich noch heute die Zwerchgalerie mit 22 Rundbögen, die abwechselnd von Doppelsäulen und zwei Einzelsäulen getragen werden. Die Bonner Apsis mit ihrer besonders differenzierten Gestaltung – von der Kunstgeschichte „Rheinischer Etagenchor“ genannt – war die Erste ihres Typs am Niederrhein und prägte für nahezu einhundert Jahre das Erscheinungsbild anderer Kirchen im gesamten Raum durch Neu- und Umbauten. Viele Kirchen folgten ihrem Beispiel, wie St. Gereon in Köln, die Abteikirche in Maria Laach oder St. Servatius in Maastricht. Flankiert wurde der Bau durch zwei mächtige, stilistisch die Gliederung der Apsis weiterführende Türme mit je einem Freigeschoss. Das benötigte Steinmaterial kam vorwiegend aus dem Neuwieder Becken und vom Drachenfels.

Das Altmünster vor dem Umbau
Münsterkriche vor und nach dem Umbau

Parallel zum mächtigen Ostbau ließ Gerhard von Are neue Stiftsgebäude an der Südseite der Kirche errichten und einen Kreuzgang anlegen, der in seiner geschlossenen Erhaltung heute einmalig im Rheinland ist. Die Arkaden der Kreuzgangsflügel zeichnen sich durch einfallsreiche Ornamentik aus. Besonders ausgewogen erscheint der Südflügel, dessen vorkragende Obergeschossgalerie auf fünf säulengetragenen Blendbögen ruht. Innerhalb des neugebauten Kapitelhauses am Ostflügel befand sich die Cyriacuskapelle, die Gerhard zu seiner Begräbnisstelle bestimmt hatte.

Gerhards Zeitgenossen zeigten sich von der Anlage außerordentlich beeindruckt. In einer Urkunde des Kölner Erzbischofs Friedrich II. von 1158 heißt es: „Praeterea quam diligens circa edificia ecclesia exstiterit, tocius sanctuarii et claustri interioris structura declarat, que eius studio a fundamentis erecta et, ut cernitur magnificata est“ (Wie sorglich er sich für den Kirchenbau einsetzte, das beweist der Bau des ganzen Heiligtums und des inneren Klosters, der durch seinen Eifer von Grund auf errichtet wurde und, wie man sieht, vergrößert worden ist).

Die neue Kirche können wir uns nun also vorstellen als einen großen, langgestreckten basilikalen Bau in Kreuzform, doppelchörig mit großer Schaufront im Osten, Kreuzgang an der Südseite, flachgedeckt und mit fünf Türmen bekrönt; zwei kleineren im Westen, zwei großen im Osten und einem eingeschossigen rechteckigen Vierungsturm. Die kurzen Querschiffe endeten noch mit einem rechteckigen Abschluss und wurden erst gegen 1200 polygonal erweitert. Der Abschluss des Westchors war, ähnlich dem des Ostchors, nach außen halb rund. Das Langhaus hatte oberhalb der Seitenschiffe romanische Rundbogenfenster und vor dem Eingang an der Nordseite eine große Vorhalle.
Diese gewaltige Kirche barg die Gräber der heiligen Cassius, Florentius und Mallusius. Am Vorabend des 14. September 1153 erfolgte die Einweihung des Neubaus. Über den Weiheakt sind wir unterrichtet durch die Aufzeichnungen der Visionen der hl. Elisabeth aus dem Kloster Schönau im Taunus, deren Bruder Ekbert Kanoniker des Bonner St. Cassiusstifts war. Ihre Visionen setzten zu Pfingsten 1152 ein und wurden sorgfältig in chronologischer Folge aufgeschrieben. Für 1153 findet sich eine an ihren Bruder gerichtete Schilderung, in der es (wörtlich) übersetzt heißt: „Ich habe auch etwas, das ich dir über die Weihe der Bonner Kirche, die kürzlich geschehen ist (de Bonnensis ecclesiae consecratione, que nuper facta est) berichten möchte“. Dann folgt die Schilderung ihrer Vision, deren historischer Kern darüber informiert, dass am Vorabend des Festes Kreuzerhöhung (14. September) des Jahres 1153 eine feierliche Weihehandlung im Bonner Münster stattgefunden hat.

Tumba Gerhards von Are
Zeichnung von 1788
Natürlich wissen wir heute nichts über die Beweggründe, die dazu führten, dass Propst Gerhard im Jahre 1166 die Gräber öffnen ließ und die Märtyrergebeine von Cassius, Florentius und Mallusius erhob. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es seine Intention war, damit seine Stellung gegenüber den anderen Stiften weiter zu behaupten, denn im Mittelalter waren Anzahl und Herkunft der Reliquien nicht unerheblich für den Einfluss einer Kirche. Zudem waren zwei Jahre zuvor in Köln die Gebeine der Heiligen Drei Könige ausgestellt worden und auch Aachen hatte bereits 1165 die Erhebung der Gebeine Karls des Großen gefeiert. Sicherlich wollte Propst Gerhard dabei keinesfalls zurückstehen, da mit der Reliquienerhöhung auch eindeutig wirtschaftliche Interessen verbunden waren, wie die Verleihung von Jahrmärkten in Aachen und Bonn bezeugt. Auffallend ist jedoch, dass nun plötzlich in Bonn der Name eine dritten Heiligen, Mallusius, ins Spiel kommt, der zuvor nie in diesem Zusammenhang genannt worden war. Wie es zur Verehrung dieses Heiligen kam, bleibt ungewiss, doch war es vielleicht wichtig, nachdem die Kölner Hauptkirche nun drei Heilige vorweisen konnte, die Zahl der Heiligen des Bonner St. Cassiusstifts (heute Münsterkirche) aus Prestigegründen zu erhöhen. Dabei wollte man vielleicht auch den Abstand zu den Konkurrenzstiften St. Gereon in Köln und St. Viktor in Xanten, die jeweils nur einen Heiligen aus der Thebäischen Legion vorweisen konnten, uneinholbar vergrößern.

Jedenfalls eröffnete Propst Gerhard am 2. Mai 1166 in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Reinalds von Dassel – dem berühmten Paladin Kaiser Barbarossas – und einer großen Menschenmenge die Gräber der heiligen Märtyrer in der Grabkammer der Münsterkirche. Um allen Zweifeln zu begegnen, ließ der Propst demonstrativ verkünden, man habe noch jetzt, 973 Jahre nach dem Martyrium, trockenes Blut in den Gräbern gefunden. Die Kölner Königschronik vermerkte dies mit den Worten: „Eodem anno Reinoldus archiepiscopus et Gerhardus praepositus Bunnensis beatissimos martyres Cassium, Florentium et Mallusium 6. Non. Maii cum inenarrabili cleri devotione et multitudine populi transtulerunt, invento sicco quidem, sed evidenti sanguine ipsorum, cum annis 973 passio ipsorum transacta fuerit“ (Im selben Jahr erhoben Erzbischof Reinald und Propst Gerhard von Bonn die heiligen Märtyrer Cassius, Florentius und Mallusius am 2. Mai mit unbeschreiblicher Hingabe des Klerus und einer zahlreichen Volksmenge und fanden zwar trockenes, aber deutlich erkennbares Blut, obgleich seit ihrer Leidenszeit 973 Jahre vergangen waren).

Für die Gebeine der drei Heiligen Cassius, Florentius und Mallusius hatte Gerhard vor der Erhebung kostbare goldene Schreine anfertigen lassen, in denen diese anschließend aufbewahrt wurden. Beschrieben werden diese Schreine in einem Reisebericht vom April 1537 als große Tumben von fast Menschenlänge. Im Schatzverzeichnis der Münsterkirche von 1588 heißt es, der Reliquienschrein von Cassius bestünde ganz aus Silber und Gold und sei mit kostbaren Edelsteinen besetzt. Hier wird auch eine ganz aus Silber und Gold gefertigte und mit Edelsteinen besetzte Büste des Cassius erwähnt, die das Haupt des Märtyrers barg. Im Kölnischen Krieg wurde dieser enorme Schatz leider geraubt und eingeschmolzen.

Vor 850 Jahren also wurden diese Schreine nach einer feierlichen Prozession über den Münsterplatz auf dem Hauptaltar der Kirche aufgestellt und den Gläubigen zur Verehrung dargeboten. Anlässlich des Festes gewährte Erzbischof Reinald dem St. Cassiusstift einen dreitägigen zoll- und abgabefreien Markt auf dem Münsterplatz. Der Markt wurde von nun an jährlich als großes Kirchenfest unter Beteiligung der Bürgerschaft mit einer großen, feierlichen Prozession und der Umtragung der Reliquien begangen, eine Tradition, die bis heute (wenn auch am 10. Oktober, dem Gedenktag der Märtyrer) fortgeführt wird.

Am 6.10.1643 erhob Kurfürst-Erzbischof Ferdinand von Bayern die Märtyrer Cassius und Florentius zu Bonner Stadtpatronen. Seit 2008 ist die heilige Adelheid von Vilich die dritte Bonner Stadtpatronin.
 
Exkurs: Was ist mit Mallusius?

Wie seine Kameraden Cassius und Florentius stammte auch Mallusius aus der von Kaiser Maximianus befehligten thebäischen Legion. Nachdem Mitglieder der aus Christen bestehenden Einheit sich geweigert hatten, ihrem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen, ließ dieser sie der Legende nach in rasender Wut hinrichten und alle übrigen Thebäer verfolgen. So sollen des Kaisers Schergen am Ende des 3. Jahrhunderts Cassius, Florentius und Mallusius am Fuß des Kreuzbergs enthauptet haben (heute Mordkapelle in Bonn-Endenich). Kaiserin Helena soll die Leichen gefunden und am Ort der heutigen Münsterkirche begraben haben.

Während Cassius und Florentius nun bereits seit dem 7. Jahrhundert als Patrone des Bonner Münsters bezeugt sind, bleibt die Herkunft Mallusius’ unklar. Zwar wird er mehrfach in Verbindung mit den Thebäern genannt, nicht aber im Zusammenhang mit der Münsterkirche. Im Bericht des Küsters Theoderich der Abtei Deutz erscheint er gemeinsam mit Florentius als Gefolgsmann des Kölner Märtyrers Gereon, wobei Cassius nicht erwähnt wird. Als dritter Märtyrer des Bonner St. Cassiusstifts (heute Münsterkirche) erscheint Mallusius erst 1166 bei der Erhebung der Gebeine durch Gerhard von Are. Allerdings ist er zusammen mit Cassius und Florentius an der Decke der nach 1156 ausgemalten Doppelkirche von Schwarzrheindorf abgebildet! Zudem gab es in der Abtei St. Thomas in Andernach im 12. Jahrhundert eine Krypta „sanctorum martyrum Cassii, Florentii, Mallusii“ (der heiligen Märtyrer Cassius, Florentius, Mallusius) – sie ist aber wahrscheinlich erst nach 1166 auf diesen Namen geweiht worden. Mallusius bleibt also fest mit dem 2. Mai 1166 verbunden. Wieso er aber immer im Schatten von Cassius und Florentius blieb und 1643, als die beiden Letztgenannten durch Ferdinand von Bayern zu Bonner Stadtpatronen erhoben wurden, sogar vergessen oder bewusst ausgelassen wurde, muss leider unbeantwortet bleiben und kann wohl nicht mehr geklärt werden.

Dieser Artikel beinhaltet in weiten Strecken wörtliche Auszüge aus: Josef Niesen, Gerhard von Are. Propst des Bonner St. Cassiusstifts von 1124 bis 1169, in: Bonner Geschichtsblätter, Band 57/58, Bonn 2008.

Sonntag, 6. März 2016

Geschichte der Bonner Straßenbeleuchtung (Gaslaternen)


F. Leizel, Guckkastenbild,
um 1777 (Ausschnitt),
abgebildet in: I. Riemer,
Altes Bonn, S. 36.
Vergrößerter Ausschnitt
Die mittelalterlichen Straßen Bonns waren noch vollkommen unbeleuchtet. Aus anderen Städten weiß man, dass Jungen mit Fackeln die späten Zecher der Gaststuben gegen Geld nach Hause begleiteten, ihnen „heimleuchteten“. Aus Bonn gibt es zwar mangels Quellen keine solche Überlieferung, doch darf man annehmen, dass es hier genauso war. Erst der Barock wollte diesen Umstand beseitigen und es war der noch junge Kurfürst Clemens August, auf dessen Befehl hin der Bonner Magistrat den Bedarf für eine ausreichende Straßenbe-leuchtung errechnen sollte. Am 2. März 1736 legte man dem Kurfürsten eine Rechnung vor, die besagte, dass man dazu 300 Laternen benötige und jede von ihnen in der Anschaffung sieben Reichstaler kosten werde. Wegen der hohen Kosten ließ der Kurfürst daraufhin von seinem Plan ab. Dennoch scheint er einzelne Stellen der Stadt mit Licht ausgestattet zu haben. Die älteste Abbildung, die ich dazu finden konnte, stammt aus dem Jahr 1777 und zeigt mehrere Laternen am Marktbrunnen (siehe Bild oben, die Laternen sind unmittelbar auf das Gitter aufgesetzt).

Laternenanzünder
(unbekannte Stadt)
Doch waren es erst die französischen Behörden, die ein Jahr nach der Besetzung Bonns am 7. November 1795 die flächendeckende Beleuchtung der Stadt durch Laternen verordneten. Bis zur tatsächlichen Anschaffung der ersten 50 Stück dauerte es allerdings nochmals dreizehn lange Jahre. Erst am 23. Dezember 1808 wurde der Kauf beschlossen. Mit der neuen Beleuchtung wurde auch ein neuer Beruf geschaffen: der Laternenanzünder. Jeden Abend ging er mit seiner langen Zündstange durch die Straßen, um die Kerzen zu entflammen. Ebenso, wie er jeden Morgen die Kerzen wieder löschen musste. Mittels einer Leiter mussten die Laternen neu bestückt oder der Docht beschnitten werden. Dieser Aufwand ließ die Beleuchtungskosten bereits im Jahr 1839 auf jährlich 1780 Taler steigen. Die ersten Kerzen, sogenannte Unschlittkerzen, bestanden noch aus minderwertigem Talg und wurden im Laufe der Zeit durch die kostengünstigeren Rüböl-Lampen ersetzt, deren Öl aus Raps- und Rübensamen gewonnen wurde.

Das 1845 niedergelegte Josefstor,
abgebildet in: N. Schloßmacher,
Matthias Frickel. Bonner Stadtansichten, S. 108
Um 1840 baumelten bereits etwa 100 solcher Lampen an langen Zugketten über den Straßen (siehe Bild links). Keine zehn Jahre später konnte jedoch auch dieses stinkende und qualmende Brennmaterial durch das qualitativ wesentlich bessere Mineralöl ersetzt werden. In einer Anzeige der Bonner Zeitung vom 6. Februar 1851 preist ein Herr H. A. Leduc aus der Wenzelgasse das „neue Beleuchtungs-Material“ an, das mit „einer weißen, hellleuchtenden, ruhigen Flamme“ brenne. Allerdings wurden für das Mineralöl eigens konstruierte Lampen benötigt.
 
Anzeige in der Bonner Zeitung
vom 6.2.1851
1850 gab es 145 solcher neuen Öllaternen in der Stadt, die etwa 1800 Taler pro Jahr kosteten, nicht eingerechnet die hohen Kosten für die vielen mutwilligen Zerstörungen der Lampen. Die Reparaturkosten für das Jahr 1850 betrugen 88 Taler und 19 Silbergroschen, womit man laut Stadtrat sieben weitere Laternen hätte betreiben können. Mutwillig herbeigeführter Sachschaden an den Laternen gab es aber schon von Anfang an.

Haus am Giertor mit Laterne,
Zeichnung von 1856,
gut zu erkennen die Zugkette,
mit der die Höhe verstellt
werden konnte
abgebildet in: I. Riemer,
Altbonner Bilderbuch, S. 54
Im Januar 1840 kam es deswegen sogar zu einem handfesten Skandal. Nachts hatten sich grölende Studenten auf dem Markt versammelt und unter dem Ruf „Die Laternen müssen herunter“ damit begonnen, Steine auf die Laternen an der Marktfontäne zu werfen. Herbeieilende Nachtwächter als Vertreter der städtischen Gewalt versuchten, das zu verhindern und die Studenten abzuführen. Doch damit übertraten sie ihre Befugnisse, denn damals standen die Studenten unter der alleinigen Gewalt des Universitätsrichters und seiner Pedellen. Der Universitätskurator beschwerte sich deswegen bei der Stadt mit den Worten: „daß der Unfug an den städtischen Laternen nicht auf Rechnung der Studirenden allein geschrieben werden darf“, weil doch bekannt sei, dass auch die Bürger, wenn „sie des Abends das Wirtshaus verließen, ihren Mutwillen gleich an der nächsten Laterne“ auslassen würden. In der Folge mussten von nun an die Pedelle gemeinsam mit den städtischen Nachtwächtern die Bonner Straßen kontrollieren.


"Nachtskandal an der Pyramide", nachträglich gezeichnet 1855,
abgebildet in: I. Riemer, Altbonner Bilderbuch, S. 44.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich in anderen Städten – zunächst in London, später auch in Hannover und Berlin – bereits die Beleuchtung mit Gas durchgesetzt. In Bonn dauerte es mal wieder – wie so oft – etwas länger, bis die moderne Zeit Einzug hielt. Und dass längst nicht jeder mit der neuen Zeit einverstanden war und es auch Widerstände gab, zeigt ein Zeitungsartikel aus der Kölnischen Zeitung vom 28. März 1819, in dem eindringlich vor der neuen Beleuchtung gewarnt wurde. Dort heißt es:

Jede Straßenbeleuchtung ist verwerflich
1.) aus theologischen Gründen: weil sie als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint. Noch tiefer ist die Macht zur Finsternis eingesetzt, die nur zu gewissen Zeiten vom Mondlicht unterbrochen wird. Dagegen dürfen wir uns nicht auflehnen, den Weltplan nicht hofmeistern, die Nacht nicht in Tag verkehren wollen -
2.) aus juristischen Gründen; weil die Kosten dieser Beleuchtung durch eine indirekte Steuer aufgebracht werden sollen. Warum soll dieser und jener für eine Einrichtung zahlen, die ihm gleichgültig ist, da sie ihm keinen Nutzen bringt, oder ihn gar in manchen Verrichtungen stört?-
3.) aus medizinischen Gründen; die Oel- und Gasausdünstung wirkt nachteilig auf die Gesundheit schwachleibiger oder zartherziger Personen, und legt auch dadurch zu vielen Krankheiten den Stoff, indem sie den Leuten das nächtliche Verweilen auf den Straßen leichter und bequemer macht, und ihnen Schnupfen, Husten und Erkältung auf den Hals zieht -
4.) aus philosophisch-moralischen Gründen; die Sittlichkeit wird durch Gassenbeleuchtung verschlimmert. Die künstliche Helle verscheucht in den Gemüthern das Grauen vor der Finsternis, das die Schwachen von mancher Sünde abhält. Diese Helle macht den Trinker sicher, daß er in Zechstuben bis in die Nacht hinein schwelgt, und sie verkuppelt verliebte Paare -
5.) aus polizeilichen Gründen; sie macht die Pferde scheu und die Diebe kühn -
6.) aus staatswirtschaftlichen Gründen; für den Leuchtstoff, Oel oder Steinkohlen, geht jährlich eine bedeutende Summe ins Ausland, wodurch der Nationalreichthum geschwächt wird -
7.) aus volksthümlichen Gründen; öffentliche Feste haben den Zweck, das Nationalgefühl zu erwecken. Illuminationen sind hierzu vorzüglich geschickt. Dieser Eindruck wird aber geschwächt, wenn derselbe durch allnächtliche Quasi-Illuminationen abgestumpft wird. Daher gafft sich der Landmann toller in dem Lichtglanz als der lichtgesättigte Großstädter.

Lithografie von 1847, Ausschnitt,
gut zu erkennen die Bogenlampen
abgebildet in: I. Riemer,
Altes Bonn, S. 63.
Erst 1847 schloss Bürgermeister Karl Edmund Joseph Oppenhoff (übrigens der erste hauptamtliche Oberbürgermeister der Stadt) mit der Aachener Firma Sabey & Cie. einen Vertrag, der der Stadt die Gasbeleuchtung auf 25 Jahre sichern sollte. Allerdings musste er wegen Nichterfüllung schon ein Jahr später auf dem Klageweg aufgelöst werden. 1850 wurde Leopold Kaufmann zu Oppenhoffs Nachfolger ernannt. Kaufmann zeigte besonders viel Initiative zur Verschönerung der Stadt; auf ihn geht beispielsweise die Sanierung der Rheinfront mit dem Bau der Rheinpromenade zurück. Auch für eine bessere Beleuchtung der nächtlichen Straßen setzte er sich ein. Am 11. November 1851 begab er sich mit einem Ausschuss des Magistrats nach Düsseldorf, um die dortige Beleuchtung durch Patentgas zu begutachten. Die Bonner Zeitung vom 16. November 1851 berichtete darüber: „Sowohl die Beleuchtung auf den Straßen als in öffentlichen Lokalen hat völligen Beifall gefunden und gedenkt man für Bonn eine ähnliche Beleuchtung in Bälde einzuführen“. Nun gab es seit den 1840er Jahren bereits in manchen Bonner Privathäusern Gasbeleuchtung. Dazu wurde das Gas vom Unternehmer Seibel in eisernen Ballons durch die Stadt gefahren und am entsprechenden Haus mittels eines Gummischlauchs in die dort befindlichen Gasbehälter gepumpt. Dies funktionierte zwar im Kleinen, war aber für eine komplette Straßenbeleuchtung natürlich nicht ausreichend. Deshalb schrieb die Stadt Bonn am 26. März 1852 die „Bedingungen aus, unter welchen das ausschließliche Recht der Beleuchtung der Straßen und Plätze mit laufendem Gas einem Unternehmer während eines Zeitraums von 25 nach einander folgenden Jahren übergeben werden soll“. Den Zuschlag erhielt Alexander Oster, der in der Breitestraße die erste Bonner Gasanstalt eröffnete. Am 20. November 1853 war es dann soweit: die ersten Öl-Lampen wurden durch moderne Gaslaternen ersetzt. Die Kosten waren mit insgesamt 3113 Taler veranschlagt (auch die Gaslaternen mussten zunächst von Hand angezündet werden, bis die Technik soweit voran schritt, dass man sie mit Druckstößen im Gasnetz anzünden konnte).


Ansichtskarte um 1920. Argelanderstraße mit
"moderner" Gaslaterne
Gaslaterne in Herne
(baugleiches Modell wie Bonn)
Foto: WikiUser: Stahlkocher
Am 14. Februar 1854 konnte mit der Gas-Lieferung begonnen werden. Übrigens rissen in der Folgezeit die Klagen der Bevölkerung über die schlechte Qualität in Verbindung mit zu hohen Gaspreisen nicht ab, so dass Oberbürgermeister Hermann Jakob Doetsch (seit 1875 im Amt) sich gezwungen sah, den Vertrag mit Oster am 1. April 1879 zu kündigen. Die Stadtverordnetenversammlung entschloss sich daraufhin, die städtische Beleuchtung in eigener Regie zu übernehmen. Noch im selben Jahr wurde das erste städtische Gaswerk in Betrieb genommen und die Stadt durch nunmehr 1120 Gaslaternen mit Schnittbrennern beleuchtet. 1899 waren es dann schon 1658 in Bonn, 134 in Poppelsdorf und 10 in Privatstraßen. Zudem brannten erstmals zwölf elektrische Bogenlampen in der Dunkelheit, womit eine neue Ära eingeleitet wurde.

Marktplatz mit Bogenlampe, Ansichtskarte von 1898,
eigene Sammlung
Dass der Unterhalt der Beleuchtung nicht gerade kostengünstig war, zeigt der Verwaltungsbericht der Stadt Bonn aus dem Jahr 1904. Nach diesem gab es im Rechnungsjahr (1.4.1903-31.3.1904) in Bonn 2140 mit Glühlichtbeleuchtung versehene Gaslaternen mit 2275 Flammen. Von diesen brannten 1363 die ganze Nacht durch. Zusätzlich gab es 22 elektrische Bogenlampen mit 15 Ampére und 12 separate elektrische Bogenlampen nur für die Beleuchtung an der Stadthalle. Die Jahreskosten beliefen sich auf ganze 49.000,48 Mark, davon alleine 28.758,80 Mark „Anzündelöhne“. Bis etwa 1920 stieg die Zahl der Leuchtkörper in Bonn auf stattliche 3200 Gaslaternen und 465 elektrische Lampen.

Bis in die heutige Zeit versahen die alten Bonner Gaslaternen stellenweise noch ihren Dienst. Im November 2015 konnte man im General-Anzeiger lesen, dass nun die letzten Gaslaternen, die noch in der Südstadt standen, endgültig ausgetauscht werden. Damit endet leider eine kulturgeschichtlich hochinteressante Epoche. Ich werde das wunderbar gelb-warme Licht ebenso vermissen, wie das leise Zischen unter den Laternen. Es war wie ein Gruß aus längst vergangenen Zeiten.

Sonntag, 13. September 2015

Geschichte der Bonner Selbstverwaltung und Schaffung des Oberbürgermeisteramtes



Gerhard von Are
Bildquelle: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon,
3. Aufl., S. 163
Im frühen Mittelalter bestand die heutige Stadt Bonn aus zwei unabhängig voneinander agierenden Rechtsräumen, einmal dem vicus Bonnensis, einer Marktsiedlung rund um den heutigen Marktplatz auf dem Hofgut des Erzbischofs (Meerhauser Hof) und einmal der villa Basilika, der Stiftsstadt, die sich nördlich vor der Münsterkirche befand und spätestens im Jahre 1000 mit einer Mauer umgeben war. Verbunden waren beide Bezirke durch eine Brücke zwischen der Remigiusstraße und dem Markt, die sich heute noch in der Bezeichnung „Marktbrücke“ erhalten hat. In der Stiftsstadt oblag der größte Teil der Gemeindeaufgaben dem burdecanus, also dem grundherrlichen Beamten. Die Rechtsprechung lag in der Hand des Propstes. Noch 1145 ließ Propst Gerhard von Are durch König Konrad III. die bestehende sogenannte engere Immunität der Stiftsstadt auf alle propsteilichen Güter des Stifts auch außerhalb Bonns ausdehnen. Jetzt wurden sogar die Ministerialen, Stiftsdiener und Stiftshandwerker, sowie die zum Kirchenbau zugezogenen Bauhandwerker (aliorum officiorum artifices),

Prangersäule
Foto: Wiki-User Hagman
egal ob sie im Stift oder der Stadt wohnten, dem propsteilichen Gericht unterworfen. Dies bezog sich auf alle Strafen außer der sogenannten Blutgerichtsbarkeit (jus gladii = Recht des Schwertes), die vor allem bei Raub, Mord und schweren Sexualdelikten angewandt wurde, mit Verstümmelung oder Tod strafte und ausschließlich von weltlichen Richtern ausgeübt werden durfte. Die Prangersäule auf dem Münsterplatz zeugt noch heute von der einstigen pröpstlichen Gewalt.

Die Marktsiedlung unterstand einem eigenen grundherrlichen Recht, dessen Meerhauser Hofgericht, das dreimal jährlich auf dem Markt, unmittelbar vor dem Gasthaus „Zur Blomen“ (heute: Em Höttche) tagte. Dabei wurde im Beisein der Geschworenen das Weistum verlesen sowie unter Vorsitz des Meiers über rechtes Maß und Gewicht verhandelt. Die bei den Hoftagen festgesetzten Bußgelder fielen dem Erzbischof anheim. Erst 1794 erlosch mit dem Ende des Kurstaats auch dessen Rechtszuständigkeit. Oberaufsicht über die Marktsiedlung führte der Vogt.

Mit dem zusammenwachsen der Stadt und dem Privileg des Mauerbaus im Jahre 1244 erhielten die Bürger der „neuen“ Stadt Bonn ganz besondere Rechte, die sogenannten Bürgerrechte, die sie deutlich von der abhängigen Landbevölkerung unterschied. Nicht umsonst hieß der neue Leitspruch jetzt: „Stadtluft macht frei!“ Die selbstbewusste Bürgerschaft stellte nun Forderungen auf, die ihren Interessen entsprachen. Vor allem wollten sie die Stadt unter Führung eines Ausschusses von angesehenen Bürgern selbst verwalten. Der Spruch des Erzbischofs vom 28. März 1286 führte zur Schaffung eines Rates mit weitgehendem Selbstverwaltungsrecht. Den Bürgern wurde erlaubt zwölf Vertreter zu wählen, denen sogar ein eigenes Beurkundungsrecht zugestanden wurde. Diese „Rat“ stand nun neben dem älteren Schöffenkollegium mit ebenfalls zwölf Angehörigen, das aber dem Erzbischof unterstand und vorwiegend aus dem Erzbischof besonders treu ergebenen Rittern bestand. Beide Institutionen konkurrierten in ihren Aufgaben und Rechten. Sicherlich hat sich bereits damals im neuen Rat das Amt eines bzw. zweier Vorsitzender herausgebildet, doch haben wir erst 1331 die erste urkundliche Erwähnung von zwei „burgermeistere“.

Bonner Schöffenurkunde
vom 13.6.1374
Diese Konstellation der unterschiedlichen Einrichtungen – Rat und Schöffenkollegium, Meerhauser Hofgericht und propsteiliches Gericht – mit ihren überlieferten alten Gewohnheiten und oft nicht genau abgegrenzten Rechten brachte im Laufe der Zeit vielfache Probleme. In einem dieser bekannt gewordenen Streits steht der Schultheiß des Meerhauser Hofgerichts im Fokus, der die Aufsicht über die am Markt gebräuchlichen Maße und Gewichte führte und diese nach belieben ändern konnte. Auch zwischen Stadt und Stift brachen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts heftige Streitigkeiten aus über die Frage, wer die Kosten zum Unterhalt der alten Stiftsmauer zu tragen hatte. Große Konflikte gab es auch immer wieder zwischen Landesherr und Bürgerschaft. Einerseits erlangte die Stadt immer wieder Freiheitsrechte wie die Zollfreiheit, aber andererseits wurden immer wieder auch Rechte durch den Landesherrn eingeschränkt, beispielsweise als Erzbischof Walram von Jülich (Amtszeit 1332-1349) die Zahl der Wollweber auf zwölf Familien begrenzte, angeblich da es an Weinbergsarbeitern mangele, in Wirklichkeit aber wohl aus Angst vor der radikal denkenden Handwerkerschaft, die in Köln schon allergrößte Schwierigkeiten machte.

Im 16. Jahrhundert tritt neben den Stadtrat und die Schöffen jetzt ein weiteres Gremium, die „Zwölfter“ als Vertreter der gemeinen Bürgerschaft (populus Bonnensis). In wieweit sie aus der auch in anderen Städten ausgebrochenen Bewegung radikaler und unzufriedener Kräfte entstanden ist, oder ob der Kurfürst selbst zu ihrer Entstehung beitrug, weiß man (noch) nicht. Jedenfalls bildeten sie ein Gegengewicht zum selbstbewussten Stadtrat und kontrollierten diesen bei der rätlichen Finanzführung. Erstmals erwähnt werden sie in einer Urkunde vom 24.7.1550; in einer späteren Urkunde vom 26.9.1566 treten sie als die „Zwoelffmenner, so die Zwoelffter genendt werden“ auf. Wenn sie auch vielleicht zunächst aus der Bürgerschaft entstanden sind, so hatten die Bürger langfristig jedoch keinen Einfluss auf deren Zusammensetzung. Bei Ausscheiden eines der Mitglieder (z.B. Absetzung wegen Unfähigkeit) hatten die übrigen Zwölfter das Vorschlagsrecht für die Kandidaten, aus denen dann der Rat jemanden aussuchte – eine Wahl fand nicht statt. Wurden früher seit jeher die Mitglieder des Rats, die sogenannten „Ratsverwandten“, aus der bürgerlichen Oberschicht (opidani maiores universitatis), der sozial und wirtschaftlich stärksten Macht in der Stadt, gewählt, so erfolgte nun die Zusammensetzung des Rats häufig durch Kooptation aus den Zwölftern. Die Bürgermeister wiederum wurden aus der Mitte des Rats gewählt. Zu den Aufgaben der Zwölfter – sie wurden auch zweiter oder junger Rat genannt – gehörte nicht nur die Überprüfung der städtischen Rechnungen, sie wurden auch zu wichtigen Beratungen hinzugezogen und bei Entscheidungen gefragt.


Kurfürst Salentin von Isenburg
Bildquelle: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon,
3. Aufl., S. 409
Am 4. Februar 1569 legte Kurfürst Salentin von Isenburg (Amtszeit 1567-1610) im sogenannten Salentinischen Vertrag fest, dass die Stadt von zwei aus dem Rat gewählten Bürgermeistern und zwei dem Schöffenkolleg angehörenden Schöffenbürgermeistern verwaltet werden sollte. Ihre Wahl auf Lebenszeit fand am Vorabend des Dreikönigstages statt. Jeweils ein Ratsbürgermeister und ein Schöffenbürgermeister führten die Geschäfte für ein Jahr als „regierende Bürgermeister“. Die Ratssitzungen fanden regelmäßig am Dienstag statt. Für die Anwesenheit wurde ein Präsenzgeld fällig, unentschuldigtes Fehlen wurde mit Geldbuße bestraft. Bei allen Sitzungen, in denen Hoheitsrechte des Kurfürsten verhandelt wurden, musste der Vogt anwesend sein. Den Bürgermeistern standen verschiedene „Stadtofficianten“ zur Seite, etwa Rentmeister, Provisoren, Geschoßmeister (Steuereinnehmer) und Wachtmeister, die nebenamtlich die ihnen anvertrauten Aufgaben verwalteten.
Um dem leichtsinnigen Schuldenmachen der Stadt vorzubeugen, wurde bestimmt, dass von den Bürgermeistern oder dem Rat kein Kapital ohne Wissen und Zustimmung des Amtmanns, des Vogtes und der Zwölfter aufgenommen werden durfte. Das zur Besiegelung der Schuldbriefe verwendete Schuldsiegel (sigillum ad causas) wurde unter fünffachem Verschluss gehalten. Die Schlüssel wurden unter den Bürgermeistern, dem Rentmeister und dem Obmann der Zwölfter aufgeteilt.

Errichtung des Freiheitsbaums auf dem Bonner
Markt durch die Franzosen,
Gemälde von Franz Rousseau, 1794
Diese oben aufgeführte Konstellation der Stadtverwaltung änderte sich erst mit der Besetzung der Stadt durch französischen Truppen im Jahre 1794. Die Eingliederung in den französischen Staatsverband brachte für Bonn gravierende Veränderungen in der Verwaltung mit sich. Am 8. Oktober 1794 kamen die ersten französischen Dragoner in Bonn an, und schon vier Tage später wurden alle Bürgermeister und Ratsherren sowie die kurfürstlichen Beamten von General Marceau ins Rathaus befohlen. Von da an mussten sie sich täglich einfinden, um der neuen Verwaltung mit Rat und Tat zur Hand zu gehen. Am 14. November wurde das neue Verwaltungssystem offiziell eingeführt: die Zentralverwaltung nahm ihren Sitz in Aachen, sieben Bezirksverwaltungen wurden eingeführt (administrations d'arrondissement), die Bezirksverwaltung für die Stadt und das ehemalige Kurfürstentum wurde in Bonn eingerichtet; die ehemalige freie Reichsstadt Köln wurde ganz gegen ihren Willen dem Bezirk Bonn eingegliedert. Am 4. April 1798 erhielt Bonn durch Verfügung der Zentraladministration des Rhein- und Mosel-Departements die Munizipalität für die Stadt Bonn, die seitdem keine eigene Verfassung mehr hatte, sondern der Gemeindegesetzgebung des französischen Staates unterstand. Die neue Munizipalität setzte sich aus 18 Mitgliedern und einem Präsidenten zusammen, der als Maire (Bürgermeister) die Verwaltung in Abhängigkeit zum Präfekten führte. Zwei weisungsgebundene Adjunkten standen ihm zur Seite. Ernannt wurden Maire und Adjunkte von der Staatsregierung. Die Mitglieder des Munizipalrats wurden durch den Präfekten ernannt, der seine Wahl aus der Liste der 100 am höchsten besteuerten Bürger traf. Alljährlich trat die Hälfte der Munizipalräte ab und wurde durch neue ersetzt.


Anton Graf von Belderbusch
Bildquelle: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon,
3. Aufl., S.45
Erster Maire von Bonn war Peter Joseph Boosfeld, ihm folgte Johann Joseph Eichhoff. Als am 17. Februar 1800 die neue französische Gemeindeordnung eingeführt wurde, wurde der Maire auch zum Vorsitzenden der Stadt- und Gemeindeverordneten-Versammlung bestimmt, womit er erstmals Oberbürgermeisterbefugnisse erlangte. Damit war Eichhoff der erste de facto Oberbürgermeister von Bonn. Den Titel erhielt allerdings erst Anton Maria Karl Graf von Belderbusch nach Abzug der Franzosen mit Verordnung vom 25. Februar 1814, in der die französische Bezeichnung „Maire“ durch den deutschen Titel „Oberbürgermeister“ ersetzt wurde. Somit war Belderbusch ab 1814 erster titelführender Oberbürgermeister der Stadt Bonn.

Nachdem die Franzosen aus Bonn abgerückt waren, kam es am 21. Oktober 1813 zunächst zu einer Übergangsregierung mit der Errichtung eines Zentralverwaltungsrates für die besetzten Gebiete. Die bisherigen Unterinstanzen blieben zwar bestehen, doch erhielten sie deutsche Bezeichnungen. Erst nach dem Übergang an Preußen gehörte Bonn ab 1815 zum ersten Mal einem Staat an, der nun das ihm zugefallene Land bis 1816 verwaltungstechnisch neu organisierte. Die Provinz, für die sich ab etwa 1830 die Bezeichnung „Rheinprovinz“ durchsetzte, wurde in Regierungsbezirke eingeteilt und diese in preußische Kreise. Auf kommunaler Ebene wurden durch Zusammenfassung mehrerer selbständiger Gemeinden sogenannte Bürgermeistereien geschaffen. Die Stadt Bonn bildete mit den Gemeinden Dransdorf und Graurheindorf die Oberbürgermeisterei Bonn. Die Gemeindebeamten wie Oberbürgermeister und Beigeordnete wurden vom Staat auf Zeit ernannt und waren den staatlichen Stellen untergeordnet. Speziell der Bonner Oberbürgermeister Johann Joseph Windeck lieferte sich zwischen 1816 und 1839 harte Kämpfe mit seinem Vorgesetzten, dem Landrat Eberhard von Hymmen.


Oberbürgermeister Windeck
Bildquelle: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon,
3. Aufl., S.501

Landrat von Hymmen
Bildquelle: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon,
3. Aufl., S. 223

Die Abhängigkeit der städtischen Verwaltung von ihren Vorgesetzten änderte sich erst mit der Gemeindeordnung von 1850, die im Zuge der – gescheiterten – Revolution von 1848/49 mehr demokratische Rechte brachte und erstmals den Städten das Recht einräumte, das Stadtoberhaupt und den Stadtrat selbst zu wählen – und zwar nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht. Zudem führte sie die Magistratsverfassung ein, was in Bonn zu einem Wechsel des Stadtoberhauptes führte. Der amtierende Oberbürgermeister Karl Edmund Oppenhoff war bereits seit 1840 vom preußischen Staat eingesetzt – übrigens der erste hauptamtliche Bonner OB mit festem Jahresgehalt – als ihn 1850 die neue Gemeindeordnung traf. Zwar wurde er als Oberbürgermeister in sein altes Amt gewählt, doch lehnte er die Wahl wegen der neuen Beschränkungen des Amtes ab, denn von nun an sollte er nur noch „primus inter pares“ im neuen Magistratskollegium sein. Als sein Nachfolger wurde am 12. Oktober 1850 deshalb Leopold Kaufmann gewählt. Das Nebeneinander von Stadtrat und Magistrat erwies sich jedoch nicht als sehr zweckmäßig und schon 1856 wurde wieder die alte, traditionelle Bürgermeisterverfassung durch die Rheinische Städteordnung wiederhergestellt. Diese Städteordnung behielt ihre Gültigkeit – mit verändertem Wahlrecht ab 1919 – bis zum Jahre 1933. 1887 wurde das Bonner Oberbürgermeisteramt, bislang dem Landrat untergeordnet, mit der neuen Kreisordnung dem Landrat eines Kreises gleichgestellt und Bonn zur Kreisfreien Stadt erklärt.

Erste Stadtverordnetenversammlung in Bonn
am 31.3.1933, im Vordergrund SA-Truppen
Bildquelle: Ennen/Höroldt, Vom Römerkastell
zur Bundeshauptstadt, 4. Aufl., Bild 107
Eine dramatische Veränderung in der Bonner Verwaltung brachte das Jahr 1933. Zwar fanden noch am 12. März 1933 Kommunalwahlen statt, doch wurden viele der gewählten Vertreter an der Ausübung ihres Amtes gehindert. Am Vormittag des 13. März versammelten sich uniformierte SA-Truppen und Parteimitglieder der NSDAP vor dem Stadthaus und zwangen den gewählten Oberbürgermeister Dr. Lürken zum „freiwilligen“ Rücktritt. An seiner statt setzten die Nationalsozialisten den linientreuen Ludwig Rickert ein, der das Amt bis 1945 bekleidete. Kurz nach der Kommunalwahl wurden im Rahmen einer „Schutzhaftaktion“ in Bonn mehr als 200 Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und Zentrumsangehörige verhaftet. Am 31. März wurde die feierliche Eröffnungssitzung der Stadtverordnetenversammlung unter Teilnahme von Formationen von SA, SS und Stahlhelm öffentlichkeitswirksam in der Beethovenhalle inszeniert. KPD und SPD waren von vornherein von der Versammlung ausgeschlossen, eine große Gruppe der Zentrumsabgeordneten verzichteten auf ihre Mandate und waren nicht erschienen oder verhaftet, der geringe, verbliebene Teil erhielt nur Hospitantenstatus. Von nun an wurden die Ratsherren von der Partei ernannt.

Erste Stadtverordnetenversammlung
in Bonn am 31.3.1933
Bildquelle: Höroldt, Geschichte
der Stadt Bonn, Band 4, S. 521
Der von den Nazis ermordete KPD-
Stadtverordnete Otto Renois
Bildquelle: Höroldt, Geschichte
der Stadt Bonn, Band 4, S. 528

Die nächste Veränderung der Bonner Verwaltung fand am 31.3.1945 durch amerikanischen Kommandanten statt, die nun den amtierenden – aber bereits geflohenen – Oberbürgermeister absetzten und durch den früheren Beigeordneten Eduard Spoelgen, der von den Nationalsozialisten zwangspensioniert worden war, ersetzten. Für seine enormen Leistungen beim Wiederaufbau der Stadt wurde Spoelgen 1949 zum Ehrenbürger von Bonn ernannt.

Mit Spoelgen an der Spitze schufen die Amerikaner einen Fünferrat, dem außerdem zwei Universitätsprofessoren, Dr, Closs und Dr. Celen, der im Dritten Reich verfolgte Gewerkschaftsführer Sebastian Dani und Dr. Kluth von den Didierwerken angehörten. Dieser Rat bildete nun das oberste Organ der Stadtverwaltung. Am 24. Mai 1945 wurde als Ersatz für die frühere Stadtverordnetenversammlung von der nun britischen Besatzung ein sogenannter Zwölferrat eingesetzt. Nachdem am 15. September 1945 die Bildung von Parteien auf Kreisebene zugelassen wurde, kam es in kürzester Zeit zur lokalen Gründung von CDU und FDP sowie Neuorganisation von SPD und KPD. Im Dezember 1945 forderten CDU, SPD und KPD die Ablösung des Zwölferrats durch die Besetzung der Posten durch Parteivertreter, was ihnen auch zugestanden wurde. Am 8.2.1946 nahm die neue Stadtvertretung ihre Arbeit auf. Da der britischen Militärregierung die Machtfülle rheinischer Oberbürgermeister früheren Zuschnitts aber nicht geheuer war, beschnitt sie durch Änderung der Gemeindeordnung die Kompetenzen des OBs drastisch. Als Gegengewicht wurde für die Verwaltungsleitung das Amt eines Oberstadtdirektors geschaffen, dessen erster Amtsinhaber 1947–1956 Johannes Langendörfer war.

Eduard Spoelgen, erster Bonner
Nachkriegs-Oberbürgermeister

Bildquelle: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon,
3. Aufl., S. 453
Johannes Langendörfer, erster
Oberstadtdirektor von Bonn

Bildquelle: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon,
3. Aufl., S. 267


Diese kommunale Doppelspitze blieb für viele Jahrzehnte maßgeblich, bis sie 1994 durch eine Reform der Gemeindeordnung NRW – mit einer Übergangsfrist bis 1999 – wieder abgeschafft wurde. Da 1995 die Amtszeit des damaligen Oberstadtdirektors geendet hatte, übernahm die amtierende OB Bärbel Dieckmann das Amt des Oberbürgermeisters in seiner jetzigen Form mit erweiterten Kompetenzen. Seit 1999 wird der Oberbürgermeister in Bonn unabhängig vom Stadtrat in direkter Wahl für sechs Jahre gewählt. Bei der diesjährigen Wahl wird die Amtszeit auf fünf Jahre gekürzt, damit ab 2020 die Rats- und Oberbürgermeisterwahlen wieder gleichzeitig stattfinden können.

Hier finden Sie eine Liste der Bonner Oberbürgermeister: Link
Hier geht es zu den genauen Ereignissen der Wahl des Nationalsozialistischen OBs: Link

Freitag, 14. August 2015

Das Beethoven-Denkmal von 1845


Am 12.8.1845 – vor 170 Jahren – wurde das Beethoven-Denkmal auf dem Münsterplatz eingeweiht. Geschaffen worden war es von dem damals noch jungen Bildhauer Ernst Julius Hähnel als erstes Personendenkmal des Rheinlands.

Hähnels Biografie, die genau Vorgeschichte zum Denkmal, der Transport durch halb Deutschland und die Geschehnisse der drei Tage dauernden Inaugurationsfeier habe ich ausführlich in meinem Buch „Bonner Denkmäler und ihre Erbauer“ (Edition Lempertz, Königswinter 2013, ISBN 978-3943883527) beschrieben. Auch die nachfolgenden Ausführungen zur Ikonographie des Denkmals stammen teils wörtlich aus diesem Buch:

Beethoven-Denkmal, Münsterplatz
Foto: Josef Niesen, 2012.



Das Beethoven-Denkmal besteht aus einem schlichten gestuften Sockel, über dem sich ein hohes, aus Fußgesims, langem Schaft und Kranzgesims bestehendes Postament als Träger der überlebensgroßen Beethoven-Statue erhebt. Zwischen der oben umlaufenden Schmuckleiste und der unteren Profilkante befinden sich an allen vier Seiten erhaben aufgesetzte Reliefs mit allegorischen Darstellungen, die einen thematischen Bezug zu Beethovens kompositorisches Schaffen aufweisen. Die Bildnisse an der Ost- und Westseite sind als Flachreliefs, die an der Nord- und Südseite als Hochreliefs gestaltet.








Die Phantasie
1. Die Phantasie

Dem Münsterplatz zugewandt ist die Darstellung der Phantasie (oder auch Poesie) in Frauengestalt. Als kleinstes Relief zeigt sie in einem schlichten rechteckigen Rahmen eine auf einer nach links springenden Sphinx sitzende, halbnackte, lyraspielende weibliche Figur, das Gewand faltenreich um die Hüfte geschwungen und die Beine bis auf die linke Fußspitze bedeckend. Ein vom Hals herabhängendes Tuch flattert mit den Haaren dekorativ im Wind. Auf dem Haupt trägt die personifizierte Phantasie einen Blätterkranz. Mit ihrer linken Hand hält sie die Lyra, die sie mit der rechten Hand schlägt. Dramatisch haben sich ihre Haare in den Saiten verfangen, ihr Blick ist in den Himmel gerichtet. Unter dem Bild prangt in erhabenen Lettern die Inschrift: Ludwig van Beethoven / geb. zu Bonn MDCCLXX.

Die Allegrorie der Phantasie weist ganz allgemein auf Beethovens schöpferische und speziell kompositorische Kraft hin.


2. Die Sinfonie

Gegenüber, an der Westseite zur Post hin, zeigt sich die schwebende „Sinfonie“, aufrecht mit leicht angewinkeltem linken Bein, von der Hüfte abwärts mit einem die Beine bis auf die Füße bedeckenden Tuch umschlungen. Vor dem nackten Oberkörper greift in Höhe der Brust der rechte Arm zu der mit links gehaltenen Kithara, um mit den Händen die Seiten anzuschlagen. Hinter dem lorbeerbekränzten Haupt wehen, umrahmt vom flatternden Mantel, die lockigen Haare wild im Wind. Verzückt schaut die Muse in den Himmel. Umgeben ist sie dabei von einem Reigen schwebender Putti, die mit ihren Attributen die vier kompositorischen Teile einer Sinfonie verkörpern sollen. Zwei fast nackte Putti im Vordergrund sind vollständig sichtbar, die beiden anderen, im Dreiviertelprofil dargestellten, sind teilweise verdeckt.

Die Sinfonie
Der links neben der Gestalt der Sinfonie schwebende Putto hält mit beiden Händen ein in der Scheide steckendes Schwert, Sinnbild des ersten sinfonischen Satzes (Allegro).
Schräg hinter und unter ihm hält der zweite Putto eine zu Boden zeigende brennende Fackel mit seiner linken Hand. Um den rechten Arm windet sich eine zum tödlichen Biss bereite Schlange. Beides versinnbildlicht den zweiten Satz (Adagio/Trauermarsch).
Rechts neben der Muse erstrahlt als Symbol des dritten Satzes (Scherzo) in lachender Fröhlichkeit der dritte Putto, der mit der rechten Hand Kastagnetten und mit der linken einen Thyrsosstab mit Pinienzapfen-Knauf als Zeichen bacchantischer Freude hält.
Der den vierten Satz (Allegro/Vivace) bezeichnende Putto bewegt sich ganz im Vordergrund vor den Beinen der Muse nach rechts, eine Triangel als Symbol der unbeschwerten Freude schlagend.

Die Allegorie der Sinfonie zeigt Beethovens sinfonisches Schaffen mit den Sinfonien 1-9 und deren klassische Einteilung in die vier Sätze Allegro, Adagio, Scherzo und Allegro (Vivace).


Die geistliche Musik
3. Die geistliche Musik

An der südlichen, zur Münsterkirche weisenden Seite des Postaments befindet sich die nach rechts an einer Orgel sitzende Personifikation der geistlichen Musik in aufwändig drapiertem Gewand, den Fuß auf einer kleinen Bank aufgestellt, die Hände auf der Tastatur aufliegend mit geschlossenen Augen und halb geöffnetem Mund innig ins Spiel versunken. Haare und Ohren sind von einem bis auf die Schultern herabhängenden Tuch verdeckt. Die Figur ragt mit dem Oberkörper in einen schön profilierten Tondo hinein. Die Zwickel des Bildnisses sind mit Lorbeerkränzen und geschwungenen Bändern ausgefüllt.

Auf einen weiteren wichtigen Teil in Beethovens Schaffen soll uns diese Allegorie hinweisen: die Messen in C-Dur und D-Dur (Missa solemns).




Die dramatische Musik
4. Die dramatische Musik

Als Gegenstück zur geistlichen Musik ist auf der Nordseite die dramatische Musik in Frauengestalt dargestellt. Auch hier ragt der Oberkörper in einen gleichermaßen wie auf der Südseite gestalteten Tondo hinein. Die nach links gewandte Figur sitzt neben einer sechsseitigen Kithara, die rechte, im Schoß liegende Hand hält ein kleines Blasinstrument, die andere ist mit auf dem Oberschenkel aufgestütztem Ellbogen zum Hals geführt. An der frontal sichtbaren Kithara lehnt eine bärtige männliche Maske, eine weitere Larve trägt die Muse hochgeschoben auf dem lockigen Haupt. Bekleidet ist sie mit einem weit fallenden Gewand, das am Oberkörper gegürtet ist. Das vordere, linke Bein hat sie lässig über das andere geschlagen.

Die Dramatik spielt im Ausdruck Beethovenscher Musik eine entscheidende Rolle. Darauf weist ganz allgemein diese Allegorie hin. Gemeint ist sowohl Beethovens Bühnenmusik als auch seine Oper, seine Klavierwerke und Lieder, seine Kammermusik und seine Orchesterwerke.


Über diesem Postament mit seinen allegorischen Darstellungen erhebt sich die überlebensgroße Statue Beethovens in Schrittstellung. Der rechte Fuß schiebt sich über die Plinthe hinaus – Vorbild für viele später errichteten Statuen –, die Hand des rechten, ausgestreckten Arms hält einen Bleistift mit der Geste des augenblicklichen Innehaltens beim Komponieren. Der linke Arm ist angewinkelt, die Hand hält einige Notenblätter vor der Brust. Der Kopf mit den langen, wirren Haaren ist aufgerichtet, der Blick schweift streng und konzentriert in die Ferne, der Mund wirkt verkniffen. Bekleidet ist die Figur Beethovens in zeittypischer Manier mit langer Hose, doppelreihig geknöpftem Gehrock, offenem Hemd und Halstuch. Ein darüber gezogener und vorne hochgehaltener Mantel lässt nur den unteren Teil des rechten Beins sowie den linken Fuß sichtbar werden. Vom Gehrock erscheinen nur das breite Revers und zwei Knopfreihen. Hinten fällt der Mantel bis auf den Boden herab.

Der noch junge Bildhauer Hähnel zeigt uns Beethoven nicht in dessen jugendlichem Alter, das er beim Verlassen Bonns hatte, sondern als gereifter und bereits berühmter Komponist der späten Wiener Jahre. Hähnels persönliche Verehrung für Beethoven drückt sich bereits in der Wahl des Standbilds als vornehmste Art des bürgerlichen Denkmals aus, das, einst Monarchen, Feldherren und Staatsmänner vorbehalten, bei Künstlern und Gelehrten im 19. Jahrhundert zum Ausdruck höchster Anerkennung wurde. Das Bonner Beethoven-Denkmal stellt das früheste und zugleich wichtigste Beispiel dieses Typs im Rheinland dar. Noch inspiriert vom „herben Klassizismus der Rauch-Schule“ (so Adolf Schmoll in seiner Beschreibung), wirkt die Statue durch den schweren bis zum Boden fallenden Mantel in sich geschlossen und wird zugleich zu einer etwas allgemeingültigeren, idealisierteren Erscheinung, die den Genius Beethovens in den Vordergrund rückt. Der Blick des Betrachters wird unwillkürlich auf den Kopf des Dargestellten gelenkt, in dessen ausdrucksvollem Gesicht sich die Konzentration auf den schöpferischen Gedanken spiegelt. Als zentrales Denkmal Bonns ist diese hervorragende Arbeit Hähnels schon längst zu einem der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt geworden und aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Wenn Sie also das nächste Mal über den Münsterplatz gehen, nehmen Sie sich die Zeit und schauen Sie sich das Denkmal - und besonders seine Allegorien - einmal ganz genau an!